„Wenn das Geld nicht reicht – Altersarmut hat vorwiegend ein weibliches Gesicht“
Armut im Alter ist in Deutschland kein Randphänomen – sie betrifft immer mehr Menschen. Besonders Frauen sind überdurchschnittlich häufig betroffen. So lag die Armutsgefährdungsquote für Frauen ab 65 Jahren 2023 bei 20,8 %, gegenüber 15,9 % bei Männern derselben Altersgruppe.¹ Hinter diesen Zahlen verbergen sich Lebensgeschichten, die oft von Sorgearbeit, Teilzeit und Lücken im Erwerbsleben geprägt sind. Sabrina Exler, Leistungsbereichsleiterin Netzwerke und Senioren bei der Caritas Köln, stellt Hintergründe, Ursachen und Lösungsansätze näher vor.
Ein Beispiel (modellhaft): Was bleibt am Monatsende übrig?
Frau M. ist 74 Jahre alt. Sie war jahrzehntelang Verkäuferin, häufig in Teilzeit, weil sie sich um ihre Kinder und später um ihre pflegebedürftige Mutter kümmerte. Heute erhält sie eine gesetzliche Rente von 920 Euro brutto, nach Abzug der Kranken- und Pflegeversicherung bleiben ihr etwa 830 Euro netto.Die Miete für ihre kleine Wohnung beträgt 520 Euro, dazu kommen 120 Euro Nebenkosten und 50 Euro Strom. Für Lebensmittel, Medikamente, Kleidung, Mobilität und soziale Teilhabe bleiben ihr so rund 140 Euro – also weniger als 5 Euro pro Tag.

Selbst mit Grundsicherung: kaum Spielraum
Frau M. beantragt Grundsicherung im Alter. Diese ergänzt ihre Rente, sodass sie insgesamt auf etwa 1.080 Euro monatlich kommt. Nach Abzug der Wohnkosten (Miete, Nebenkosten, Strom) bleiben ihr rund 350 Euro für alle übrigen Ausgaben: Essen, Medikamente, Kleidung, Busfahrkarten, Telefon, Geschenke etc. Unerwartete Ausgaben (z.B. neue Brille, Heizkosten-Nachzahlung) bringen das ohnehin fragile Budget schnell ins Wanken. Trauer, Krankheit oder Einsamkeit sind in diesen Zahlen nicht berücksichtigt – ihre Auswirkungen verschärfen die Belastungen oft erheblich.
Warum sind Frauen im Alter stärker gefährdet?
Die strukturellen Ursachen:
- Teilzeit und Minijobs: Frauen sind häufiger in schlecht bezahlten, prekären Beschäftigungsverhältnissen tätig.
- Familienzeiten: Kindererziehung und Pflegearbeit werden nicht oder nur unzureichend rentenwirksam berücksichtigt.
- Gender Pay Gap: Frauen verdienen im Schnitt rund 18 % weniger als Männer, was sich auch in geringeren Rentenansprüchen widerspiegelt.²
- Erwerbsbiografien mit Unterbrechungen oder internationale Biografien: Wer Zeiten ohne Beitragspflicht hat, erhält weniger anrechenbare Versicherungszeiten, was die Rente verringert.
Die stille Scham
Viele ältere Frauen sprechen nicht über ihre Not. Scham – nicht vorgesorgt zu haben, um Hilfe bitten zu müssen – ist ein großes Hindernis. Der Gang zur Behörde oder zur Beantragung von Grundsicherung wirkt für viele wie ein persönliches Scheitern und nicht das, was es ist: ein gesellschaftliches Versagen.
Besonders schwierig – Migrationsbiografien
Für Frauen mit internationalen Biografien ist die Situation oft noch komplizierter:
- Renten aus dem Herkunftsland lassen sich nicht immer vollständig in Deutschland anrechnen.
- Sprachbarrieren, Informationsdefizite und vor allem komplexe Verfahren erschweren den Zugang zu Hilfen.
- In manchen Kulturen ist die Inanspruchnahme staatlicher Hilfe besonders stigmatisiert.
So geraten gerade jene, die unter schwierigen Bedingungen ein neues Leben aufgebaut haben und häufig in systemrelevanten Berufen tätig waren, in eine besonders prekäre Lage.
Was zu tun ist:
- Eine Rentenpolitik, die Sorgearbeit und Teilzeit stärker berücksichtigt
- Niedrigschwellige Beratungsangebote ohne Stigmatisierung
- Eine öffentliche Debatte, die strukturelle Ursachen benennt, statt Schuldzuweisungen in Richtung der Betroffenen
Altersarmut ist kein individuelles Versagen, sondern Ergebnis gesellschaftlicher Ungleichheiten.
Wie die Caritas Köln hilft:
Die Caritas Köln unterstützt ältere Menschen in akuter (auch finanzieller) Not mit niedrigschwelliger Beratung, Unterstützung bei Anträgen wie Grundsicherung oder Wohngeld oder bei der Organisation ihrer häuslichen Versorgung. Durch präventive Angebote wie Informationsveranstaltungen, frühzeitige Überleitung in Hilfs- und Unterstützungssysteme und kultursensible Angebote für Menschen mit Migrationsgeschichte hilft sie, finanzielle Risiken frühzeitig zu erkennen und zu reduzieren. Gleichzeitig stärkt sie soziale Teilhabe, fördert Netzwerke gegen Einsamkeit und setzt sich öffentlich für gerechtere Rahmenbedingungen ein, damit Altersarmut – insbesondere von Frauen – gar nicht erst entsteht.
Quellenangaben
- „20,8 % der Frauen ab 65 gelten als armutsgefährdet, bei den Männern derselben Altersgruppe 15,9 %“ (Destatis / EU-SILC 2023)
- Aus den Alterseinkünften 2023: Frauen ab 65 erhalten jährlich im Schnitt ca. 18.663 Euro brutto, Männer 25.599 Euro – was einer Lücke von ~39,4 % entspricht (ohne Hinterbliebenenrenten)

