„Mehr Druck und mehr Komplexität“: Perspektivberatung für Geflüchtete ist wichtiger denn je

Mehr rechtliche Hürden, wachsende psychische Belastungen und unsichere Beratungsstrukturen: Im Interview schildert Zwan Karim, Leiterin der Perspektivberatung für Geflüchtete bei der Caritas Köln, wie sich die Situation für Geflüchtete in Köln 2025 zugespitzt hat, warum unabhängige Beratung unverzichtbar bleibt und welche Herausforderungen das Jahr 2026 mit sich bringt.

Portraitbild von Zwan Karim

Zwan Karim leitet die Perspektivberatung für Geflüchtete bei der Caritas Köln. (Foto: DiCV Köln/Jo Schwartz)

 

Frage 1: „Frau Karim, wie hat sich die Situation Geflüchteter in Köln in 2025 verändert?“ 

Zwan Karim: 2025 erleben wir in Köln eine deutliche Zuspitzung – weniger im Sinne „mehr Menschen“, sondern im Sinne mehr Komplexität und mehr Druck. Viele Verfahren sind rechtlich anspruchsvoller geworden: Dublin-Fälle, kurzfristige Anhörungstermine, häufigere Ablehnungen, mehr Klage- und Eilrechtsschutzfragen. Gleichzeitig steigt der psychische Stress deutlich, weil Unsicherheit im Aufenthaltsstatus, Angst vor Abschiebung und lange Wartezeiten das Ankommen massiv erschweren. 

Ein weiterer Punkt ist die Verschärfung politischer Signale und Regelungen: Der Ton in Debatten ist rauer, Geflüchtete werden häufiger als „Problem“ dargestellt. Das wirkt sich konkret auf Menschen aus – Angst, Rückzug, Misstrauen gegenüber Behörden und Institutionen nehmen zu. Besonders gravierend ist auch, dass seit Juli 2025 der Familiennachzug zu subsidiär Schutzberechtigten für zwei Jahre ausgesetzt ist. Das betrifft viele Familien in Köln unmittelbar: Menschen, die bereits hier sind, bleiben getrennt von Partner*innen und Kindern – das ist nicht nur ein integrationspolitisches Problem, sondern eine enorme psychosoziale Belastung. 

Ein letzter Punkt ist, dass sich die positive Betrachtung von Zuwanderung und Flucht über das Jahr 2025 wesentlich stärker auf Nutzbarkeitsargumente ausrichtete: „Wir“ brauchen „die“ um dem Fachkräftemangel – weniger laut kommuniziert auch den Bedarfen des Niedriglohnbereichs – oder den demographischen Herausforderungen zu begegnen. Die humanitäre, wertebasierte, oder aber aus Sicht der Caritas auch Nächstenliebe-basierte, d.h.  christliche Perspektive auf den per Grundgesetz bis dato abgesicherten Schutzanspruch Geflüchteter, gerät dabei aus dem gesellschaftlichen Blick, was ich mit großen Sorgen betrachte.   

 

Frage 2: „Warum sind Beratungsdienste wie die Perspektivberatung noch immer so wichtig?“ 

Zwan Karim: Weil das Asyl- und Aufenthaltsrecht in Deutschland hochkomplex ist – und weil viele Menschen unter Druck stehen, schnelle Entscheidungen treffen müssen und dabei nicht wissen, welche Rechte, Fristen und Optionen sie überhaupt haben. Unsere Beratung ist wichtig, weil wir Orientierung geben: Was bedeutet ein amtliches Schreiben? Welche Frist läuft? Was passiert bei Dublin? Was bedeutet eine Ablehnung – und welche Schritte sind möglich? 

In unserer Arbeit liegt aber auch ein zweifacher Schutzgedanke: Traumatisierung, Krankheit, Gewalt, besondere Schutzbedarfe bei Frauen, Kindern und vulnerablen Personen werden frühzeitig erkannt – dies schützt Geflüchtete, genauso aber auch unsere Gesellschaft, da psychische Erkrankungen, die Grund für Reibungen und Irritationen im Ankommensprozess werden können, so rechtzeitig behandelt werden.  

Beratung schafft Stabilität: Menschen werden häufig von Stelle zu Stelle verwiesen. Gerade traumatisierte Personen brauchen Kontinuität, Vertrauen und eine Anlaufstelle, die „dranbleibt“. Zudem werden im Beratungsprozess Fehlinformationen korrigiert: In Communities kursieren oft Gerüchte. Beratung schafft Klarheit und verhindert falsche, riskante Entscheidungen. 

Kurz: Beratung ist nicht „gut zu haben“, sondern ein zentraler Baustein von Rechtsstaatlichkeit und Integration. Ohne unabhängige Beratung steigt das Risiko von Fehlentscheidungen, Fristversäumnissen und Eskalationen – und damit auch die Belastung für Behörden, Gerichte und Hilfesysteme. 

 

Frage 3: „Welche Veränderungen sind für Geflüchtete und Ihre Arbeit in 2026 zu erwarten?“ 

Zwan Karim: 2026 wird voraussichtlich noch anspruchsvoller – sowohl rechtlich als auch strukturell. So wird es mehr Druck durch neue gesetzliche Regelungen geben: Besonders die nationale Umsetzung des GEAS (Gemeinsames Europäisches Asylsystem) bringt konkrete und bedenkliche Veränderungen:  

  • Kurze Screeningverfahren, dadurch ist es schwierig Vulnerabilitäten zu erkennen
  • Kürzere Klagefristen und andere Zuständigkeitslogiken erhöhen die Anforderungen an Beratung und Begleitung. Das wird für viele Menschen noch weniger übersichtlich – und für Beratungsstellen bedeutet es, dass wir noch stärker rechtlich aktuell, vernetzt und reaktionsfähig sein müssen.
  • Weiterhin Trennung von Familien: Die Aussetzung des Familiennachzugs zu subsidiär Schutzberechtigten läuft bis 2027 weiter. Das heißt: Viele Familien bleiben auch 2026 getrennt. Für viele Klient*innen bedeutet das, anhaltende psychische Belastung – und für uns mehr Krisenintervention, Stabilisierung und Begleitung.
  • Erhöhter Abschiebedruck und die Konzentration in Rückführungseinrichtungen: Wir rechnen mit einem weiteren Fokus auf Rückführung und Abschiebung. Ob es nun konkret zu „Abschiebezentren“ kommt oder zu stärker zentralisierten Rückführungsstrukturen: Für Betroffene bedeutet es vor allem mehr Unsicherheit und eine Zunahme von Eilrechtsschutz, Krisenlagen und Beratungsbedarf in sehr kurzer Zeit. 

Besonders kritisch ist dabei zusätzlich, dass wir einen radikalen Abbau der Finanzierungsstrukturen der Beratung Geflüchteter beobachten. Vor zwei Jahren haben wir eine Kürzung des Landesprogramms soziale Beratung für Geflüchtete erlebt – unter Verweis auf eine neu eingerichtete Bundesförderung. Nun hat das Bundesinnenministerium der freien Wohlfahrt jüngst die Kürzung eben dieses Bundesprogramms mitgeteilt. Wenn Beratungsstrukturen abgebaut oder gekürzt werden, trifft das die Menschen unmittelbar. Gleichzeitig ist es widersprüchlich: Der Bedarf steigt – aber die Ressourcen werden unsicherer. Das erschwert Personalplanung, Kontinuität und Qualität. Und genau diese Kontinuität ist für vulnerable Menschen entscheidend. 

Kürzungen bei Integrationskursen: „Zentraler Weg in die deutsche Gesellschaft wird geschlossen“

ein Kommentar von Tim Westerholt, Geschäftsfeldleiter Integration der Caritas Köln zur Entscheidung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat (BMI)

Integration beginnt mit Begegnung – und mit Sprache. Wer miteinander sprechen kann, versteht einander besser, baut Vertrauen auf und gestaltet gemeinsam unsere Gesellschaft. Integrationskurse sind deshalb weit mehr als ein politisches Instrument: Sie sind ein Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe, zu Bildung, Arbeit und zu einem gelingenden Zusammenleben.

Umso berechtigter sind die kritischen Reaktionen auf die Entscheidung des Bundesministeriums des Innern und für Heimat (BMI), den Zugang zu Integrationskursen für einen großen Teil potenzieller Teilnehmender vorerst auszusetzen. Schätzungen zufolge könnten rund 130.000 Menschen betroffen sein – etwa 41 Prozent der erwarteten Teilnehmenden im Jahr 2026. Für viele von ihnen bleibt damit ein zentraler Weg in die deutsche Gesellschaft vorerst verschlossen.

Auch Menschen mit langfristiger Perspektive betroffen

Der Erlass markiert einen Bruch mit dem mühsam erreichten integrationspolitischen Konsens, Spracherwerb möglichst früh und möglichst vielen Menschen zu ermöglichen. Ironischerweise trifft der Zulassungsstopp aber auch jene, die bereits eine langfristige Perspektive in Deutschland haben oder voraussichtlich hier bleiben werden – darunter Geflüchtete aus der Ukraine, Unionsbürgerinnen und -bürger sowie Menschen in lang andauernden Asylverfahren.

Auch aus christlicher Perspektive ist die Entscheidung schwer nachvollziehbar. Jeder Mensch besitzt eine unveräußerliche Würde – unabhängig von seiner Nützlichkeit oder Bleiberechtsprognose. Daraus erwächst ein Anspruch auf faire Chancen zur Teilhabe. Integration bedeutet nicht nur Anpassung, sondern gegenseitige Verantwortung und Begegnung. Sie gelingt dort, wo Menschen ihre Fähigkeiten einbringen und Gemeinschaft mitgestalten können – zentrale Voraussetzung dafür ist der frühe Spracherwerb.

Widersprüchliche Entscheidung

Auch ökonomisch ist die Entscheidung wenig überzeugend. Studien zeigen, dass der erfolgreiche Abschluss eines Integrationskurses die Chancen auf dem Arbeitsmarkt klar verbessert. Gerade in Zeiten spürbaren Fach- und Arbeitskräftemangels wirkt es widersprüchlich, hier zu sparen – zumal gleichzeitig eine möglichst frühe Arbeitsmarktintegration gefordert wird.

Hinzu kommen die Folgen für die Integrationsinfrastruktur: Wenn Kurse mangels Teilnehmender nicht zustande kommen, gerät diese unter Druck. Träger, Lehrkräfte und lokale Netzwerke, die über Jahre aufgebaut wurden, stehen vor großen Unsicherheiten. Zugleich könnten längere Wartezeiten selbst für Berechtigte entstehen – negative Konsequenzen also auch für jene, die vom Zulassungsstopp gar nicht angesprochen sind.

Der Zugang zu Integrationskursen ist kein Randthema, sondern eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die aktuellen Einschränkungen sollten daher dringend überdacht werden.

Gesunde Fachkräfte – das Fundament für starke Kitas!

Demographische Rendite jetzt für bessere Bildungsarbeit nutzen!

ein Beitrag von Guido Geiss, Leistungsbereichsleitung CariKids und Maria Taxacher, Koordination CariKids

Als CariKids gGmbH – Träger von fünf Kitas – erleben wir täglich, wie sehr unsere pädagogischen Fachkräfte unter Druck stehen. Die sich genau hierbeziehende aktuelle Stellungnahme der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) bestätigt, was wir seit Jahren beobachten: Hohe Krankenstände und psychische Belastungen gefährden die Qualität der frühkindlichen Bildung. Gleichzeitig begrüßen wir auch die Chance der demografischen Rendite, wie die Bundesbildungsministerin Karin Prien erkennt und wie sie auch im Gutachten benannt wird: Gesundheitsförderliche Maßnahmen ließen sich bereits kurzfristig umsetzen, denn der demographische Wandel und die Alterung der Gesellschaft ermöglichen bei einem Erhalt bestehender Personalkapazitäten trotz sinkender Kinderzahlen eine klare Verbesserung der strukturellen Rahmenbedingungen.

Die SWK fordert zu Recht: Gesundheitsförderung muss endlich Priorität haben! Wir schließen uns dieser Forderung mit Nachdruck an und appellieren an die Politik, jetzt die Weichen für eine nachhaltige Verbesserung zu stellen.

Darum ist es wichtig jetzt zu handeln:

  • Laut DAK sind Erzieher*innen im Schnitt fast 30 Tage pro Jahr krank. Das ist deutlich mehr als andere Berufsgruppen.
  • Hohe Fluktuation und Ausfälle führen zu eingeschränkten Öffnungszeiten, wechselnden Bezugspersonen und sinkender pädagogischer Qualität.
  • Hohe Belastung für Familien und Kinder. Gerade junge Kinder brauchen stabile Beziehungen. Instabile Betreuung gefährdet ihre Entwicklung.

Jetzt die Chance der demografischen Rendite nutzen.

Über Jahre haben die Kitas die Gruppen überbelegt, um der hohen Geburtenrate gerecht zu werden. Es ist an der Zeit den Menschen in den Kitas etwas zurückzugeben.

Sinkende Geburtenraten bedeuten weniger Kinder in Kitas und damit freiwerdende personelle Ressourcen. Diese dürfen nicht in Kürzungen münden! So wie die Bundesbildungsministerin Karin Prien erkennen auch wir die Chance, die in der demographischen Rendite liegt. Anstelle von Kita Schließungen und Entlassungen von Fachkräften sollte der Personalschlüssel, die Relation von Personalstunden zu Kinderzahl in der Gruppe, verbessert werden.  Gesundheitsförderung soll verbessert und flächendeckend finanziert werden und es soll mehr Zeit für Weiterbildung und Vorbereitungen geschaffen werden.

Die demografische Rendite ist unsere Gelegenheit, das System krisenfest und zukunftsfähig zu machen.

Unsere Forderungen sind deshalb:

  1. Personalschlüssel realistisch anpassen
    Krankenstände und Fluktuation müssen in die Berechnung einfließen. Papierwerte helfen nicht, wir brauchen echte Entlastung im Alltag.
  2. Zeit für Qualität schaffen
    Pädagogische Arbeit braucht Raum für Vorbereitung, Elternarbeit und Weiterbildung. Diese Zeiten müssen verbindlich eingeplant und finanziert werden.
  3. Gesundheitsförderung verankern
    Angebote zur Stressbewältigung, Supervision und Prävention dürfen kein Luxus sein, sondern Standard in jeder Kita.
  4. Demografische Rendite investieren
    Freiwerdende Ressourcen müssen in bessere Arbeitsbedingungen und Gesundheitsschutz fließen. Nicht in Sparmaßnahmen.

Die Gesundheit unserer Fachkräfte ist kein Randthema, sie ist die Basis für gute Bildung. Wenn wir wollen, dass Kinder verlässlich gefördert und betreut werden, müssen wir die Menschen stärken, die diese Arbeit leisten.

Gesunde Fachkräfte bedeuten starke Kinder und eine starke Zukunft für uns alle. In die Bildung investieren ist eine Investition in die Zukunftsfähigkeit unserer vielfältigen Gesellschaft.

Gesunde Fachkräfte = starke Kitas!
Die SWK fordert mehr Gesundheitsförderung für Erzieher*innen. Wir als CariKids – Träger von fünf Kitas – sagen: Ja, sofort!

  • Hohe Krankenstände und psychische Belastungen gefährden Qualität und Verlässlichkeit.
  • Sinkende Kinderzahlen sind keine Sparchance, sondern eine Chance für bessere Arbeitsbedingungen.

Wir fordern daher:

  • Realistische Personalschlüssel
  • Zeit für Vorbereitung & Weiterbildung
  • Verbindliche Gesundheitsprogramme
  • Neue Karrierewege für Fachkräfte

Der neue nordrheinwestfälische KiBiz-Referentenentwurfes lässt bislang leider nicht darauf hoffen, dass die hier beschriebene Chance wahrgenommen wird. Umso mehr gilt es jetzt zu handeln – für stabile Betreuung, starke Teams und eine Zukunft, die Kinder verdient haben!

Die Pflege steht vor einem Wendepunkt

Der Verband katholischer Altenhilfe in Deutschland (VKAD) hat den Bericht der Bund-Länder-AG „Zukunftspakt Pflege“ kritisiert.

Detlef Silvers, Leiter des Geschäftsfeldes Alter und Pflege in der Caritas Köln, erläutert, warum, und erklärt Herausforderungen und Chancen.

Unfähig zur echten Reform

Das System der sozialen Sicherung ist zu großen und wichtigen Teilen in den Sozialgesetzbüchern (SGB) definiert. Dies ist seit dem 19. Jahrhundert wesentlicher Teil der sozialen Fürsorge in Deutschland. Unsere Gesellschaft und die Bundesrepublik Deutschland steht auf Grund des demographischen Wandels vor der Herausforderung eines Umbaus der sozialen Sicherungssysteme. Immer mehr alte, kranke und pflegebedürftige Menschen stehen einer sinkenden Zahl an jungen und erwerbstätigen Menschen gegenüber, bei einer sich gleichzeitig zunehmend globalisierenden Wirtschaft.

Wesentliche Säulen sind die Arbeitslosenversicherung, die Rentenversicherung, die Unfallversicherung und die Krankenversicherung, seit den 1990er Jahren ergänzt um die Pflegeversicherung. Die Finanzierung fußt dabei auf Beiträgen der Arbeitgeber (als Beitrag zu deren sozialen Verpflichtung gegenüber den Arbeitnehmern) und den eigenen Beiträgen der Arbeiter und Angestellten. Diese Finanzierung setzt voraus, dass die Wirtschaftsleistung der Unternehmen eine Produktivität hat, die neben Gewinnen der Unternehmer und angemessenen Löhnen der Mitarbeiter, auch Abgaben für die soziale Sicherung „abwirft“. Zudem beruht das System auf einem Generationenvertrag „jung sorgt für alt“.

Die Globalisierung der Wirtschaft, in denen neue Länder konkurrierend in Technologie und Herstellung von Waren vorstoßen, und die überproportionale Steigerung der Anteile alter und hochbetagter Menschen in den westlichen Gesellschaften, machen eine Weiterentwicklung der Sozialen Sicherungssysteme erforderlich.

Seit der Agenda 2010 der rot-grünen Regierung (2003-2005) unter Gerhard Schröder, die den deutschen Arbeitsmarkt und Sozialstaat grundlegend umbaute, unabhängig vom kritischen Diskurs um die Auswirkungen dieser Reform, fehlt es an wirklichen und durchgreifenden Veränderungen im Sozialsystem.

Auf die Nicht-Reform der Rentenversicherung in den letzten Monaten, folgt nun der Abschlussbericht der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Zukunftspakt Pflege“. Diesen kritisiert unser Fachverband Pflege VKAD der Caritas Deutschland als „Papier voller Andeutungen ohne Verbindlichkeit“. Das Papier bleibt, so der Vorsitzende des Verbandes Andreas Wedeking ambitionslos und verschiebt wichtige Entscheidungen auf den Sankt Nimmerleinstag: „Die Pflege braucht kein weiteres Sammelpapier von prüfbaren Optionen, sondern ein Reformpaket, das eindeutig regelt, was kommt, wer es finanziert und ab wann es gilt. Nur eine solche Entschlossenheit zeigt den politischen Willen zu einer stabilen Finanzierung. Die vorgelegten Eckpunkte zeigen ihn nicht.“

Die Anforderung bleibt auch aus unserer Sicht, die Weiterentwicklung der Sozialen Sicherungssysteme unter der Beachtung der unausweichlichen Wahrheiten der sich verändernden Rahmenbedingungen.

Dazu beschreibt Silvers die folgenden Herausforderungen und Chancen:

  1. Statt ständig steigender Eigenanteile bei Pflegebedürftigen braucht eine klare Abgrenzung der Pflegekosten in den Pflegeeinrichtungen zu den Kosten der Pflegekassen und Kommunen. Das Modell des „Spitze-Sockel-Tausch“, mit einer Begrenzung und Festlegung von Eigenanteilen, wurde bereits wiederholt über die Caritas eingebracht, wird von vielen Experten befürwortet, findet aber in der Politik keinen positiven Widerhall. Ob eine solche Festlegung der Eigenanteile mit festen Beträgen erfolgt, oder einkommensabhängig gestaffelt wird, wären zusätzliche Varianten.
  2. Die zunehmende Ausgabenlast der Kommunen, welche sich auch aus den steigenden Eigenanteilen der Pflegebedürftigen nährt, stellt ein echtes Problem für die bereits belasteten kommunalen Haushalte dar. Durch eine mit einer Begrenzung und Festlegung von Eigenanteilen ergäben sich hier ebenfalls Entlastungen.
  3. Die Grundlage der Finanzierung der Pflegeversicherung muss aufgrund der allein durch die Veränderung der demographischen Relation „Beitragszahler zu Beitragsempfängern“ zwingend verändert werden: Entweder eine Finanzierung aus Steuermitteln oder durch eine Ausweitung der Beitragsgrundlage über die reine Lohnabgabe hinaus (Erfassung sonstiger Einkünfte).
  4. Es gilt, so unangenehm dies sein mag, eine Prüfung und Bewertung der Leistungen aus der Pflegversicherung. Was ist die Kernaufgabe der Pflegeversicherung? Welche Leistungen müssen als Pflichtleistungen gesichert werden? Welche Leistungen sind auch als Eigenverantwortung der Altersvorsorge zu finanzieren, besonders in der Frage von Haushaltsleistungen und der allgemeinen Betreuung? In welchen Teilen muss private Vorsorge gefordert und gefördert werden?
  5. Müssen ggf. auch bestimmte Leistungen unter einen „Einwilligungsvorbehalt“ und eine „Indikationsstellung“ gestellt werden? Ist eine „Wahlfreiheit“ der Leistungen zwischen den Bereichen ambulant – teilstationär – stationär dauerhaft möglich, oder begrenzen allein Finanzierung und Verfügbarkeit hier nicht die Möglichkeiten? Wenn wir den Zugang zu den zunehmend knappen Ressourcen der Pflege nicht sinnvoll regulieren, wird dies die Notsituationen noch mehr ansteigen lassen.
  6. Die Unterhaltspflicht für Pflegebedürftige (Elternunterhalt) greift erst bei einem Jahresbruttoeinkommen der Kinder über 100.000 €. Diese Regelung wurde eingeführt, um Angehörige von Pflegedürftigen nicht zu belasten. Auch der Rückgriff auf vorzeitige Übertragungen von Vermögen wist auf eine Frist von zehn Jahren begrenzt. Beides könnte man auch als „Erbenschutzprogramm“ bezeichnen. Muss das eigene Vermögen nicht auch als Teil der Sozialen Vorsorge betrachtet werden? Und kann die Fürsorgepflicht für die eigenen Eltern tatsächlich auf eine bestimmte Einkommenshöhe begrenzt bleiben? Vor dem Hintergrund des Wandels in unserer Gesellschaft muss hier eine Diskussion erlaubt sein.

Um das System der sozialen Pflegeversicherung zu sichern, ist ein „Aussitzen“ der Probleme unmöglich. Diese werden uns dann später nur noch heftiger treffen. Natürlich haben alle Beteiligten eigene Interessen und Besitzstände – wir werden dies aber nicht alles bewahren können, wenn wir einen Zusammenbruch des Systems vermeiden wollen. Vielmehr bedarf es des Konsens: Die Pflege bedarfsgerecht und für alle sichern, indem alle einen angemessen und leistbaren Beitrag hierzu leisten.

Internationaler Tag der Menschenrechte

10. Dezember – Ein Tag des Erinnerns, Mahnens und Hinschauens

ein Kommentar von Zwan Karim – Leitung Perspektivberatung für Geflüchtete und des Caritas Therapiezentrum für Menschen nach Folter und Flucht

Der Internationale Tag der Menschenrechte erinnert uns jährlich daran, dass die Würde jedes Menschen unantastbar ist. Dieses Prinzip bildet das Fundament unserer demokratischen Gesellschaft – und es verpflichtet uns, für jene einzustehen, deren Rechte bedroht sind. Dazu gehören in besonderem Maße geflüchtete Menschen.

Sie fliehen nicht aus „Bequemlichkeit“, sondern vor Krieg, Verfolgung, Gewalt und Perspektivlosigkeit. Sie suchen Schutz – und die Suche nach Asyl ist ein Menschenrecht. Dieses Recht ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (Artikel 14) festgeschrieben und in Deutschland durch Artikel 16a Grundgesetz garantiert. Asyl ist kein politisches Zugeständnis. Es ist ein Grundrecht, das nicht von Stimmungen oder Mehrheiten abhängig sein darf.

Menschenrechte unter Druck: Wie Geflüchtete zunehmend dargestellt werden

In der öffentlichen Debatte geraten diese Grundsätze jedoch immer häufiger aus dem Blick. Begriffe wie „illegale Migration“, „Grenzsicherung“ oder „Abschiebungen“ dominieren die Diskussion – während die menschlichen Schicksale in den Hintergrund treten. Doch hinter jeder Zahl steht ein Mensch – mit einer Geschichte, mit Hoffnungen und häufig mit tiefen Verletzungen. Der Internationale Tag der Menschenrechte mahnt uns: Wer Schutz sucht, hat ein Recht darauf, gehört, gesehen und geschützt zu werden.

Weltweite Dimension: Millionen auf der Flucht

Die aktuellen Zahlen des UNHCR (Juni 2025) verdeutlichen, wie dringlich der Schutz von Menschenrechten weltweit ist:

  • 122 Millionen Menschen sind derzeit gewaltsam vertrieben.
  • Darunter 42,7 Millionen Flüchtlinge, die über internationale Grenzen fliehen mussten.
  • Zusätzlich rund 73,5 Millionen Binnenvertriebene (IDPs) im eigenen Land.
  • 67 % aller Geflüchteten bleiben in unmittelbaren Nachbarstaaten – oft in Ländern mit sehr begrenzten Ressourcen.

Diese Realität zeigt: Flucht und Vertreibung sind globale Phänomene – kein „europäisches Problem“.

Europa im globalen Vergleich

In Europa leben etwa 8,9 Millionen Flüchtlinge und Asylsuchende – Geflüchtete. Das entspricht weniger als 8 % aller weltweit Vertriebenen. Geflüchtete machen 1,7 Prozent der Gesamtbevölkerung der EU aus. Europa ist damit keineswegs Hauptziel von Menschen auf der Suche nach Schutz. Die überwältigende Mehrheit bleibt in ihrer Herkunftsregion.

Deutschland im internationalen Kontext

Deutschland bleibt eines der wichtigsten Aufnahmeländer weltweit. Rund 2,6 Millionen Menschen haben Ende 2024 hier Schutzstatus oder ein laufendes Asylverfahren gehabt. Deutschland gehört damit zu den Top-5-Aufnahmestaaten weltweit. Dennoch: Die meisten Geflüchteten erreichen nie Europa. Viele finden Schutz in ärmeren Nachbarstaaten – dort, wo geografische Nähe wichtiger ist als wirtschaftliche Stärke.

Besonders schutzbedürftige junge Geflüchtete

Wie fragil Menschenrechte im Alltag sein können, zeigt sich besonders deutlich bei jungen Geflüchteten. In Köln beobachten wir eine besorgniserregende Entwicklung. Jugendliche, die nur wenige Wochen oder Monate vor ihrem 18. Geburtstag stehen, werden zunehmend vorschnell als volljährig eingestuft – häufig allein auf Basis einer kurzen Inaugenscheinnahme, ohne fundierte Prüfung, ohne transparente Kriterien und ohne Berücksichtigung ihres individuellen Entwicklungsstandes.

Diese Entscheidungen führen regelmäßig dazu, dass die Inobhutnahme beendet wird und die Jugendlichen ohne Schutz in regulären Unterkünften landen. In mehreren Fällen mussten wir Unterstützung bei Widerspruch einlegen und Eilantragstellung anbieten, um ein korrektes Verfahren zu gewährleisten und die Jugendlichen in ein medizinisches Altersgutachten zu überführen.

Wie gravierend die Folgen für die Betroffenen sein können, zeigt ein Fall aus unserer Beratungspraxis:

M., ein unbegleiteter minderjähriger Jugendlicher war im Juli in unserer Beratungsstelle. Er hatte vor kurzem den Termin beim Jugendamt. Bei der Inaugenscheinnahme wurde er als 18 Jahre eingeschätzt, woraufhin die Inobhutnahme beendet wurde. Wir haben bei der Eilklage und dem Widerspruch unterstützend begleitet, da er keinen sachkundigen Vertreter hatte. Erst dadurch wurde ein medizinisches Altersgutachten durchgeführt und er unter 18 Jahre eingestuft. Bis Anfang November hatte M. keine Zuweisung nach Köln und konnte keine Termine bei der Kommunalen Integration bekommen um eine Zuweisung für eine Schule oder einen Sprachkurs zu erhalten. Es sollte noch im November eine Vormundschaft eingerichtet werden – erst dann kann einen Antrag auf Asyl beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gestellt werden.

Der Fall zeigt, wie schnell Jugendliche in existenzielle Unsicherheit geraten können. M. hätte jetzt eine passende Unterkunft, eine Schule oder Sprachkurs haben können und ihm hätte eine Menge Unsicherheiten erspart bleiben können, wenn das System und die Strukturen geregelt gelaufen wären.

 

Mehr erfahren:

Perspektivberatung Caritas Köln

Therapiezentrum Caritas Köln

Quellen:

https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/563237/weltfluechtlingstag-2025/

https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/informieren/fluechtlingszahlen

https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/hilfe-weltweit/hilfe-in-deutschland

 

Warum Altersarmut vor allem Frauen trifft

„Wenn das Geld nicht reicht – Altersarmut hat vorwiegend ein weibliches Gesicht“

Armut im Alter ist in Deutschland kein Randphänomen – sie betrifft immer mehr Menschen. Besonders Frauen sind überdurchschnittlich häufig betroffen. So lag die Armutsgefährdungsquote für Frauen ab 65 Jahren 2023 bei 20,8 %, gegenüber 15,9 % bei Männern derselben Altersgruppe.¹ Hinter diesen Zahlen verbergen sich Lebensgeschichten, die oft von Sorgearbeit, Teilzeit und Lücken im Erwerbsleben geprägt sind. Sabrina Exler, Leistungsbereichsleiterin Netzwerke und Senioren bei der Caritas Köln, stellt Hintergründe, Ursachen und Lösungsansätze näher vor.

Ein Beispiel (modellhaft): Was bleibt am Monatsende übrig?
Frau M. ist 74 Jahre alt. Sie war jahrzehntelang Verkäuferin, häufig in Teilzeit, weil sie sich um ihre Kinder und später um ihre pflegebedürftige Mutter kümmerte. Heute erhält sie eine gesetzliche Rente von 920 Euro brutto, nach Abzug der Kranken- und Pflegeversicherung bleiben ihr etwa 830 Euro netto.Die Miete für ihre kleine Wohnung beträgt 520 Euro, dazu kommen 120 Euro Nebenkosten und 50 Euro Strom. Für Lebensmittel, Medikamente, Kleidung, Mobilität und soziale Teilhabe bleiben ihr so rund 140 Euro – also weniger als 5 Euro pro Tag.

 

Selbst mit Grundsicherung: kaum Spielraum
Frau M. beantragt Grundsicherung im Alter. Diese ergänzt ihre Rente, sodass sie insgesamt auf etwa 1.080 Euro monatlich kommt. Nach Abzug der Wohnkosten (Miete, Nebenkosten, Strom) bleiben ihr rund 350 Euro für alle übrigen Ausgaben: Essen, Medikamente, Kleidung, Busfahrkarten, Telefon, Geschenke etc. Unerwartete Ausgaben (z.B. neue Brille, Heizkosten-Nachzahlung) bringen das ohnehin fragile Budget schnell ins Wanken. Trauer, Krankheit oder Einsamkeit sind in diesen Zahlen nicht berücksichtigt – ihre Auswirkungen verschärfen die Belastungen oft erheblich.

 

Warum sind Frauen im Alter stärker gefährdet?
Die strukturellen Ursachen:

  • Teilzeit und Minijobs: Frauen sind häufiger in schlecht bezahlten, prekären Beschäftigungsverhältnissen tätig.
  • Familienzeiten: Kindererziehung und Pflegearbeit werden nicht oder nur unzureichend rentenwirksam berücksichtigt.
  • Gender Pay Gap: Frauen verdienen im Schnitt rund 18 % weniger als Männer, was sich auch in geringeren Rentenansprüchen widerspiegelt.²
  • Erwerbsbiografien mit Unterbrechungen oder internationale Biografien: Wer Zeiten ohne Beitragspflicht hat, erhält weniger anrechenbare Versicherungszeiten, was die Rente verringert.

Die stille Scham
Viele ältere Frauen sprechen nicht über ihre Not. Scham – nicht vorgesorgt zu haben, um Hilfe bitten zu müssen – ist ein großes Hindernis. Der Gang zur Behörde oder zur Beantragung von Grundsicherung wirkt für viele wie ein persönliches Scheitern und nicht das, was es ist: ein gesellschaftliches Versagen.

Besonders schwierig – Migrationsbiografien

Für Frauen mit internationalen Biografien ist die Situation oft noch komplizierter:

  • Renten aus dem Herkunftsland lassen sich nicht immer vollständig in Deutschland anrechnen.
  • Sprachbarrieren, Informationsdefizite und vor allem komplexe Verfahren erschweren den Zugang zu Hilfen.
  • In manchen Kulturen ist die Inanspruchnahme staatlicher Hilfe besonders stigmatisiert.

So geraten gerade jene, die unter schwierigen Bedingungen ein neues Leben aufgebaut haben und häufig in systemrelevanten Berufen tätig waren, in eine besonders prekäre Lage.

Was zu tun ist:

  • Eine Rentenpolitik, die Sorgearbeit und Teilzeit stärker berücksichtigt
  • Niedrigschwellige Beratungsangebote ohne Stigmatisierung
  • Eine öffentliche Debatte, die strukturelle Ursachen benennt, statt Schuldzuweisungen in Richtung der Betroffenen

Altersarmut ist kein individuelles Versagen, sondern Ergebnis gesellschaftlicher Ungleichheiten.

Wie die Caritas Köln hilft:

Die Caritas Köln unterstützt ältere Menschen in akuter (auch finanzieller) Not mit niedrigschwelliger Beratung, Unterstützung bei Anträgen wie Grundsicherung oder Wohngeld oder bei der Organisation ihrer häuslichen Versorgung. Durch präventive Angebote wie Informationsveranstaltungen, frühzeitige Überleitung in Hilfs- und Unterstützungssysteme und kultursensible Angebote für Menschen mit Migrationsgeschichte hilft sie, finanzielle Risiken frühzeitig zu erkennen und zu reduzieren. Gleichzeitig stärkt sie soziale Teilhabe, fördert Netzwerke gegen Einsamkeit und setzt sich öffentlich für gerechtere Rahmenbedingungen ein, damit Altersarmut – insbesondere von Frauen – gar nicht erst entsteht.

 

 


 Quellenangaben

  1. „20,8 % der Frauen ab 65 gelten als armutsgefährdet, bei den Männern derselben Altersgruppe 15,9 %“ (Destatis / EU-SILC 2023)
  2. Aus den Alterseinkünften 2023: Frauen ab 65 erhalten jährlich im Schnitt ca. 18.663 Euro brutto, Männer 25.599 Euro – was einer Lücke von ~39,4 % entspricht (ohne Hinterbliebenenrenten)

 

Armut bekämpfen, Teilhabe sichern: Warum Hilfsangebote unverzichtbar sind

Zum internationalen Tag für die Beseitigung der Armut (17. Oktober)

Armut ist längst kein Randphänomen mehr. Sie betrifft Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, Alleinerziehende, Rentner*innen, junge Erwachsene ohne gesicherten Bildungsweg und zunehmend auch Familien aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Die soziale Ungleichheit wächst – mit gravierenden Folgen für die Betroffenen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Arm zu sein bedeutet weit mehr als einen Mangel an Geld. Es heißt oft: keine angemessene Wohnung zu finden, auf notwendige Gesundheitsleistungen zu verzichten, Schulden anzuhäufen oder bei Bildungschancen abgehängt zu werden. Armut isoliert, macht ohnmächtig – und sie vererbt sich. Gerade deshalb sind verlässliche und niedrigschwellige Hilfsangebote unverzichtbar. Sie geben Orientierung, schaffen Zugang zu Leistungen, öffnen Wege aus der Krise und ermöglichen gesellschaftliche Teilhabe. Ob Unterstützung bei der Wohnungssuche, Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen oder die Vermittlung an spezialisierte Fachstellen – jede Form konkreter Hilfe kann der entscheidende Schritt sein, um Armut zu überwinden.

Doch vielerorts ist das Hilfesystem überlastet oder nicht ausreichend erreichbar. Die Zahl öffentlich geförderter Beratungsstellen reicht längst nicht aus, um den tatsächlichen Bedarf zu decken. Viele Menschen in Not werden gar nicht oder zu spät erreicht. Die Folgen sind gravierend: drohender Wohnungsverlust, Überschuldung, gesundheitliche Probleme oder der Rückzug aus der Gesellschaft. Langfristig schwächt das nicht nur die Betroffenen, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Hier übernehmen Wohlfahrtsverbände wie die Caritas Köln und ihre Fachverbände besonders in den sogenannten Randbezirken eine tragende Rolle. Sie finanzieren zahlreiche Angebote aus Eigenmitteln und schaffen dort Strukturen, wo staatliche Unterstützung fehlt – mit Beratungsangeboten oder durch kirchliche „Lotsenpunkte“, also Erstanlaufstellen in den Kölner Gemeinden. Sie helfen Menschen mit komplexen, oft miteinander verwobenen Problemen – von Arbeitslosigkeit über Energieschulden bis zu familiären Krisen – und unterstützen sie dabei, Ansprüche geltend zu machen oder den Kontakt zu Behörden zu bewältigen. Als vertrauliches und kostenloses Angebot können sie helfen, Menschen den Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu ebnen.

Die zunehmende Finanznot der Kommunen, aber auch das immer stärkere Hinterfragen des Sozialstaates insgesamt, macht es für die Caritas immer schwerer, eigenmittelgetragene Beratungsstrukturen aufrecht zu erhalten. Das trifft am Ende vor allem diejenigen, die ohnehin am stärksten benachteiligt sind. Jede nicht finanzierte Beratungsstunde kann bedeuten: ein Mensch weniger, der rechtzeitig Hilfe erhält.

Statt öffentlicher Ablenkungsdebatten wie sie gerade im Kontext der Diskussionen ums Bürgergeld mit anzusehen sind, braucht es gute Rezepte! Um Armut wirksam zu begegnen, braucht es politische Priorität und strukturell auskömmliche Lösungen – auf kommunaler wie auf bundesweiter Ebene. Nur ein stabiles Netz an Hilfsangeboten kann verhindern, dass Armut sich verfestigt und gesellschaftliche Teilhabe verloren geht.

Ein Kommentar von: Tim Westerholt, Geschäftsfeldleiter Integration, Caritas Köln und Claudia Metternich, Leistungsbereichsleitung Jugend und berufliche Integration, Caritas Köln

Caritas Köln sagt Danke – Ein Fest für das Ehrenamt

von Simone Streif (Referentin Ehrenamt)

Für die Caritas Köln ist das Ehrenamt ein wichtiger Bestandteil ihres Wirkens. Freiwillig Engagierte setzen sich mit Herz, Zeit und Tatkraft für Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen ein. Um diesen Einsatz zu würdigen, lud die Caritas Köln zu einer zentralen Dankesfeier für ihre ehrenamtlichen Mitarbeitenden ein – und über 100 Engagierte aus den drei Geschäftsfeldern des Verbandes sowie der Kölsch Hätz Nachbarschaftshilfen folgten der Einladung in die Geschäftsstelle nach Ehrenfeld.

Nach einer längeren Pause seit der letzten verbandsübergreifenden Feier, war die Freude über die große Resonanz besonders spürbar. Vorstandssprecher Markus Peters und Simone Streif, Referentin Ehrenamt, begrüßten die Gäste herzlich und sprachen ihren tiefen Dank für das außergewöhnliche Engagement aus.

Über 1.000 Ehrenamtliche bei der Caritas Köln aktiv

Vorstandssprecher Markus Peters spricht beim Dankesfest für Ehrenamtliche

Vorstandssprecher Markus Peters bedankte sich in seiner Ansprache bei den über 100 Ehrenamtlichen für ihr Engagement.

Aktuell engagieren sich über 1.000 Menschen ehrenamtlich bei der Caritas Köln – in Altenzentren, sozialpsychiatrischen Einrichtungen, Beratungsstellen, als Sprachmittler*innen, in der Hospizarbeit, bei der Nachbarschaftshilfe Kölsch Hätz und vielen weiteren Bereichen. Die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten zeigt die Stärke des Verbandes: Ehrenamt hat viele Gesichter und ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Caritas-Arbeit.

Organisiert wurde die Feier von Simone Streif aus der Stabsabteilung Engagement | Gesellschaft | Gemeinde, unterstützt von zahlreichen hauptamtlichen Kolleg*innen. Diese mixten alkoholfreie Cocktails, grillten Würstchen, dekorierten die Räume festlich und sorgten für einen reibungslosen Ablauf. Die Atmosphäre war geprägt von Austausch, Gemeinschaft und guter Laune – musikalisch begleitet von Svitlana Kavka, die auf ihrer Bandura auch kölsche Töne erklingen ließ.

Freude empfangen und weitergeben durch ehrenamtliches Engagement

Bereits bei der Anmeldung wurden die Ehrenamtlichen gefragt, was ihnen ihr Engagement bedeutet. Die Rückmeldungen wurden aufmerksam gelesen und als Girlanden ausgehängt. Viele der Ehrenamtlichen antworteten, dass sie durch ihr Ehrenamt Freude empfangen oder weitergeben – ein starkes Zeichen für die emotionale Bedeutung des freiwilligen Einsatzes. Diese Freude war auch in den Räumlichkeiten der Geschäftsstelle deutlich zu spüren. Ein weiteres zentrales Motiv war der Wunsch zu helfen:

  • um Verantwortung zu übernehmen,
  • um etwas zurückzugeben,
  • um sich sinnvoll einzubringen oder
  • um zu erleben, wie bereichernd das Engagement auch für einen selbst sein kann.

Zum Abschluss erhielt jede*r Ehrenamtliche eine kleine Aufmerksamkeit als Zeichen der Wertschätzung. Denn eines ist klar: Die Caritas Köln ist an 365 Tagen im Jahr dankbar für das, was ihre ehrenamtlichen Mitarbeitenden leisten.

Diese Veranstaltung wird in Erinnerung bleiben – als Ausdruck von Gemeinschaft und Motivation und als klares Signal: Der Caritasverband kann und will nicht ohne das Ehrenamt sein.

Sie möchten sich ebenfalls engagieren?
Dann besuchen Sie www.caritas-koeln.de/Ehrenamt und finden Sie das passende Ehrenamt für sich!