Liebe Jina, du bist nicht gestorben ….

“Liebe Jina, du bist nicht gestorben, dein Name ist ein Code für Freiheit geworden!“ Diese Worte haben die Eltern von Jina Amini in den Gedenkstein ihrer Ruhestätte eingravieren lassen!

Am 16. September ist der Jahrestag der Ermordung von Jina Amini. Die junge Kurdin wurde vor einem Jahr von der iranischen Sittenpolizei zu Tode geprügelt, nur weil sie angeblich ihr Kopftuch nicht richtig trug. Ihre Ermordung löste im ganzen Land, insbesondere von Seiten der Frauen eine revolutionäre Bewegung aus. Zusammen mit dem Slogan „Jin Jiyan, Azadi; Frau, Leben, Freiheit“ aus der kurdischen Freiheitsbewegung wurde Jina Amini zur Symbolfigur des Protestes.

Unsere Kollegin Köstan Raasti stammt aus dem Iran. Sie selbst ist Kurdin mit einer bewegten Fluchtgeschichte und lebt seit vielen Jahren in Köln. Regelmäßig informiert sie uns über die Entwicklungen denn sie ist gut vernetzt und politisch aktiv. 

Was ist im letzten Jahr alles passiert?

Die Proteste im Iran gegen das fundamentalistische Regime gehen weiter. Anlass für den Widerstand gegen die Regierung ist der Tod der jungen Kurdin, Jina Amini, nach Verhaftung durch die iranische Sittenpolizei.

Sie wurde festgenommen, weil ihr Kopftuch angeblich zu lose saß. Die Lage hat sich nach dem Tod der jungen Frau zugespitzt. Es geht bei den Protesten schon lange nicht mehr nur um die Kopftuchpflicht, sondern um mindestens 43 Jahre der systematischen Unterdrückung. Es ist ein Teil dieses Systems, dass Frauen, ethnische, religiöse und queere Minderheiten unterdrückt werden und ihrer Rechte beschnitten werden. Die Unterdrückung der Frau ist Auslöser für die aktuelle Protestbewegung. Aber auch sozioökonomische Gründe, nicht gezahlte Gehälter und unbezahlbare Lebensmittelpreise, eine Inflation von 50 Prozent, Korruption sowie Missachtung der Menschenrechte führen zur massiven Verschlechterung der Lebensbedingungen. Auch wenn wenig Berichterstattung möglich ist, gehen die Proteste weiter. Das Regime geht weiterhin sehr brutal vor. Im letzten Jahr hat es über 20.000 Festnahmen von unschuldigen Menschen gegeben, über 600 Menschen sind seit Beginn der Proteste ermordet worden, darunter über 70 Kinder, mehrere durch Hinrichtungen. Zeitweise hat es alle 6 Stunden eine Hinrichtung gegeben.

Wie ist die Situation zur Zeit?

Am 16.09. ist der Jahrestag der Ermordung von Jina Amini. Das Regime versucht mit aller Kraft erneute Straßenproteste zu verhindern. Deswegen verhaften Regimekräfte massenhaft Aktivist*innen und sogar Angehörige von Ermordeten, die bei den Protesten im letzten Jahr gewaltsam zu Tode kamen. Das Regime hat Angst, dass gerade diese Menschen laut sein werden und für weitere Proteste mobilisieren könnten. Laut NGO Hengaw wurden allein in den letzten 5 Monaten mehr als 64 Angehörige von Getöteten und Hingerichteten verhaftet.

Die Familie von Jina Amini wird massiv unter Druck gesetzt, der Onkel wurde bereits verhaftet, der Vater vom Geheimdienst verhört. Es gab in den vergangenen Tagen erneute Festnahmen im ganzen Land. Die Revolutionsgarde hat bereits viele kurdische Städte militarisiert.

Im Staatsfernsehen der islamischen Republik werden Propaganda Videos von drei Regimegegnern aus den USA, aus UK und aus Deutschland gezeigt, die im Ausland auf Demos gegen das Regime teilgenommen haben. Sie mussten Zwangsgeständnisse abgeben. Mit solchen Videos und direkte Drohungen will das Regime die Diaspora einschüchtern, damit nicht mehr an Demos und Kundgebungen teilgenommen wird.

Aber nichts kann diese Bewegung aufhalten, weder Im Iran noch im Ausland. Die Menschen sind fest entschlossen weiterzukämpfen, bis dieses Mörder-Regime gestürzt ist.

Was berichten deine Verwandten und Freunde vor Ort?

Meine Verwandten erzählen mir, dass sie große Sorge und Angst haben, dass die Regierung es diesmal auch schafft die Revolution niederzuschlagen, sie sind aber auch voller Hoffnung und Zuversicht, dass das Terror-Regime endlich gestützt wird. Sie erzählen uns immer wieder, dass sie zwar in “Freiheit“ leben, es sich aber anfühlt als würden sie in Gefangenschaft sein und das seit über 43 Jahren.

Welche Entwicklung gab es im letzten Jahr?

Die wichtigste Entwicklung im letzten Jahr ist, dass das ganze Land vereint ist und das Ziel einheitlich ist. Wenn man bedenkt, dass der Iran ein Vielvölkerstaat mit unterschiedlichen Sprachen, Kulturen, Religionen und Ethnien ist und das Regime seit Jahrzehnten viel Angst und Schrecken verbreitet, die Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufspielt und versucht sie zu spalten, ist das eine großartige und wichtige Entwicklung. Sie alle wollen die Abschaffung der islamischen Republik. Sie sind entschlossen und wollen keine Reformen und auch keine punktuellen Veränderungen und dafür sind sie bereit ihr Leben zu geben. Sie sagen selbst, dass die islamische Regierung ihnen die Luft zum Atmen genommen hat. Eine weitere Entwicklung ist, dass die heutige Revolution von Frauen angeführt wird. Sie rufen: Jin – Jiyan – Azadi: Frau – Leben – Freiheit! (der Slogan kommt aus der kurdischen Freiheitsbewegung). Und nicht zuletzt, sieht die ganze Welt endlich hin, was im Iran passiert.

Wie wird es weitergehen?

Die Menschen werden weiterhin für ihre Freiheit kämpfen. Die letzten Wochen hat es landesweite Streiks gegeben. Und die Regierung hat wieder brutal darauf geantwortet, es hat wieder unzählige Verhaftungen gegeben. Die einzige Lösung ist, dass die islamische Regierung gestürzt wird. Es ist wichtig, dass die Proteste weitergehen und sich im ganzen Land ausbreiten. Die Menschen dürfen nicht den Mut und die Kraft verlieren. Und wir müssen alles dafür tun, damit die Menschen im Iran gehört und gesehen werden.

Was sind deine Hoffnungen?

Meine Hoffnung/ Wunsch ist, dass dieses mörderische Regime so schnell wie möglich gestürzt wird und die Revolution ein erfolgreiches Ende, für die iranische Bevölkerung nehmen wird. Ich wünsche mir, dass wir sehr bald die Gefängnisse aufbrechen und alle Gefangenen freilassen können. Ich wünsche, dass alle Regierungsmitglieder samt ihrer Unterdrückungsapparat zur Rechenschaft gezogen werden. Sie müssen vor dem internationalen Gerichtshof für Menschenrechte für das Verbrechen an die iranische Bevölkerung verurteilt werden. Ich wünsche, dass alle Menschen unabhängig von ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit, Sprache, Hautfarbe sexuelle Orientierung ein selbst bestimmtes und freies Leben führen können. Ich wünsche mir ein Iran, in dem die Kurden und Belutschen und andere Minderheiten anerkannt werden. Ein Iran, in der Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit herrscht und vor allem der Staat getrennt von der Religion ist. Ich wünsche mir, dass die unschuldigen Opfer, zahlreiche Minderjährige, nicht umsonst im Kampf gegen die islamische Regierung ihr Leben geben mussten, um die Freiheit zu erlangen. Und ich hoffe, dass ich sehr bald in den Iran einreisen kann, ohne Angst und Sorge zu haben verhaftet zu werden.

Was können wir von Köln aus tun?

Die aktuellen Ereignisse im Iran sind revolutionäre Bestrebungen, die seit Jahrzehnten überfällig sind und von mutigen Frauen und Männern, die ihr Leben riskieren und die unserer Unterstützung dringend bedürfen, getragen werden. Die Menschen im Iran sollen erfahren, dass sie nicht allein sind im Kampf gegen das Regime und, dass sie weltweit Solidarität erfahren. Ebenso sollte der iranischen Regierung ein deutliches Zeichen gesetzt werden, dass die Gewalt gegen die eigene Bevölkerung nicht toleriert und klar verurteilt wird. Auch wenn der Iran geographisch nicht in unserer direkten Nachbarschaft liegt, bildet sich aktuell ein gefährliches Gegengewicht zu unseren westlichen Werten durch eine sich verstärkende Allianz von Unrechtsregimen wie Iran, Russland, China und der Türkei. Die islamische Regierung finanziert und unterstützt Terrororganisationen wie Hamas und Hisbollah und liefert Raketen und Drohnen an Russland im Ukraine-Krieg.

Es ist wichtig, als Zeichen der Solidarität mit den mutigen Menschen im Iran und weltweit den Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung weiter zu unterstützen und der Bewegung auch in Zukunft durch Aktionen und Demos in der Öffentlichkeit Raum zu geben.

Die nächste Demo findet statt am: 16.09.2023 Beginn: 13 Uhr

Köln-Ottoplatz, Deutz-Messe-Bahnhof

 

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