65 Jahre Teilhabe im Wandel: Die Entwicklung der Caritas Wertarbeit

Was 1961 mit sieben jungen Menschen in einer kleinen Kölner Werkstatt begann, ist heute ein moderner Werkstattverbund mit vielfältigen Arbeits- und Förderangeboten für knapp 1000 Beschäftigte. Die Geschichte der Caritas Wertarbeit ist eine Geschichte von Wachstum, gesellschaftlichem Wandel und dem stetigen Einsatz für mehr Teilhabe. Über sechs Jahrzehnte hinweg wurden neue Standorte geschaffen, Arbeitsfelder erweitert und immer wieder Antworten auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung und psychischer Erkrankung gefunden.
Eine Chronologie von Eugen Müller-Handler, Leiter der Werkstätten von 1971-2007 und Jochen Günther, Referent Teihabemanagement

 

Die Geschichte der Caritas Wertarbeit, 

ehemals Caritas Werkstätten Köln

Die Anfänge: Zwei Wurzeln einer gemeinsamen Geschichte

Bereits 1961 wird in Trägerschaft des Sozialdienstes Katholischer Männer e.V. Köln in den Räumen der „Offenen Tür St. Mauritius“ in der Großen Telegraphenstrasse die erste „Beschützende Werkstatt“ für sieben behinderte Jugendliche in Köln gegründet. Dies ist der Ursprung der „Caritas Werkstätten Köln“.

Gleichzeitig betreibt das Kinderheim „Maria Hilf“ in Trägerschaft der „Schwestern vom armen Kinde Jesu“ in Köln-Kalk ein Hilfsschulheim mit Heimschule für Mädchen mit Behinderung. Dies sind die Wurzeln der heutigen Betriebsstätte „Clara-Fey-Haus“.

Im Oktober 1963 mietet der SKM Räume in einer alten Mädchenschule in der Gereonstrasse an, wo die „Beschützende Werkstatt“ in eigenen Räumen kontinuierliche Arbeit für behinderte Jugendliche leisten kann. Diese Werkstatt wird stetig erweitert bis auf 35 Plätze. Die Heimschule in Köln-Kalk heißt nun „Clara-Fey-Bildungsstätte“ und dort werden im September 1964 bereits 40 behinderte Mädchen in vier Klassen unterrichtet und betreut.

Gut Frohnhof: Der Aufbau einer modernen Werkstatt

Im Juli 1971 errichtet der Caritasverband für die Stadt Köln e.V. auf dem Gelände des ehemaligen städtischen „Gut Frohnhof“ in Köln-Ossendorf eine Werkstatt für behinderte Menschen. In die Räume des ersten Bauabschnitts ziehen die 35 behinderten Jugendlichen und Erwachsenen sowie sieben Mitarbeiter der „Beschützenden Werkstatt“ des Sozialdienstes Katholischer Männer e.V. Köln ein. 1973 wird der zweite Bauabschnitt der WfB „Gut Frohnhof“ fertig und es stehen nun 160 Werkstattplätze zur Verfügung.

 

Aus Bildung wird Arbeit: Das Clara-Fey-Haus entsteht

Laut Kultusministerbeschluss von 1971 ist den Sonderschulen für Geistigbehinderte die Werkstufe angegliedert worden. So hat die „Clara-Fey-Bildungsstätte“ wie viele andere Tagesstätten keinen klaren rechtlichen Auftrag mehr. Auf Drängen der Kostenträger finden im Mai 1974 erste Gespräche über eine Kooperation mit der WfB „Gut

Frohnhof“ beim Landschaftsverband Rheinland statt. Es vergehen über sieben Jahre. Erst im Januar 1982 wird die „Clara-Fey-Bildungsstätte“ vom Caritasverband für die Stadt Köln e.V. als Zweigwerkstatt der WfB „Gut Frohnhof“ übernommen. Die Zweigwerkstatt heißt nun „Clara-Fey-Haus“ und wird vom „Gut Frohnhof“ mit Arbeit versorgt. Aus der Bildungsstätte wird eine Werkstatt.

Wachstum und neue Perspektiven

Wegen des stetig wachsenden Bedarfs an Werkstattplätzen für Menschen mit Behinderung wird auf dem Gelände von „Gut Frohnhof“ ein Erweiterungsbau mit 90 Plätzen erstellt und kann im Oktober 1983 bezogen werden. Auch ein Werkstattladen mit angegliederter Näherei wird im April 1986 am „Gut Frohnhof“ eröffnet.

Die Räumlichkeiten in Köln-Kalk sind für einen ordentlichen Werkstattberieb nicht geeignet. In Absprache mit den Kostenträgern wird ein Neubau mit 170 Plätzen auf dem Gelände in Köln-Kalk geplant. Baubeginn ist im Januar 1989 und Einweihung und Bezug der neuen Zweigwerkstatt „Clara-Fey-Haus“ erfolgt im Januar 1991. Es stehen nun in Ossendorf und in Kalk insgesamt 430 Arbeits- und Betreuungsplätze für Menschen mit Behinderung zur Verfügung.

 

Erweiterung des Angebots: CariTec und besondere Betreuung

Auch Menschen mit psychischer Erkrankung oder Behinderung suchen Werkstattplätze. Die Kostenträger fordern eine strikte Trennung zu Menschen mit geistiger Behinderung. So werden im Oktober 1994 die beiden oberen Etagen im Altbau in der Bertramstrasse in Köln-Kalk mit Eigenmitteln zu einer Zweigwerkstatt für psychisch behinderte Menschen umgebaut. Diese Zweigwerkstatt mit 32 Plätzen erhält den Namen „CariTec“ und wird im April 1995 von den Kostenträgern offiziell als Werkstatt für Behinderte anerkannt. Im September 1995 werden die WfB „Gut Frohnhof“ mit den Zweigwerkstätten „Clara-Fey-Haus“ und „CariTec“ umbenannt in „Caritas Werkstätten Köln“.

Sowohl im „Gut Frohnhof“ als auch im „Clara-Fey-Haus“ werden ab 1990 Intensivfördergruppen für Menschen mit schweren Behinderungen und Verhaltensauffälligkeiten bedarfsgerecht eingerichtet. Sie heißen Arbeitsgruppen mit besonderer Betreuung (AmbB).

 

Mehr Vielfalt in der Arbeitswelt

Im November 1996 bekommen die „Caritas Werkstätten Köln“ die Möglichkeit, auf dem Gelände der ehemaligen Krankenhausgärtnerei des Elisabeth-Krankenhauses in Köln-Hohenlind eine Gartenbaugruppe einzurichten. Dies ist eine langersehnte Ergänzung des Arbeitsangebotes für die behinderten Beschäftigten, die gerne im Freien an der frischen Luft arbeiten wollen.

Qualität als Erfolgsfaktor

Von den Ford Werken, dem größten Auftraggeber der „Caritas Werkstätten Köln“, wird für eine weitere Zusammenarbeit ein zertifiziertes Qualitätsmanagement verlangt. So startet im Januar 1999 ein Qualitätsmanagement-Projekt mit dem Ziel der Zertifizierung aller Arbeits- und Betreuungsbereiche der „Caritas Werkstätten Köln“ nach DIN EN ISO 9001. Die erfolgreiche Zertifizierung der gesamten „Caritas Werkstätten Köln“ erfolgt im Dezember 2000 durch die DQS Deutsche Gesellschaft zur Zertifizierung von Managementsystemen GmbH.

 

Neue Angebote und ein weiterer Standort

Für Beschäftigte mit besonderem Betreuungsbedarf aufgrund von Alterserscheinungen, geringer Arbeitsfähigkeit und Verhaltensauffälligkeiten müssen angemessene Angebote zur Verfügung gestellt werden. So werden im Januar 2003 im „Gut Frohnhof“ bestehende Gruppenräume entsprechend umstrukturiert und ausgestattet. Die Arbeitsgruppen mit besonderer Betreuung fungieren als Bindeglied zwischen Arbeitsgruppen und Fördergruppen.
Der Platzbedarf an Werkstattplätzen wächst in Köln derart, dass die Kostenträger die „Caritas Werkstätten Köln“ zum Bau einer weiteren Zweigwerkstatt auffordern. Nach langer Suche eines geeigneten Grundstücks kann im Juni 2003 die Grundsteinlegung für die vierte Betriebsstätte der „Caritas Werkstätten Köln“ im Gewerbegebiet in Ossendorf in der Heinrich-Rohlmnn-Straße stattfinden.

Druckerei CariPrint, Foto: Harald Oppitz

Hier werden 90 Plätze für den Bereich Druckerei und Lettershop für Beschäftigte mit geistiger Behinderung und 65 Plätze für Beschäftigte mit einer psychischen Erkrankung geschaffen. Im Januar 2005 ziehen die Druckerei aus „Gut Frohnhof“ und der Lettershop aus dem „Clara-Fey-Haus“ in die Heinrich-Rohlmann-Strasse, die nun „CariPrint“ genannt wird. In den Bauabschnitt für die psychisch Erkrankten zieht die „CariTec“. In den frei gewordenen Räumen im „Gut Frohnhof“ und im „Clara-Fey-Haus“ werden Arbeitsgruppen mit besonderer Betreuung eingerichtet.

 

Vom Pionierprojekt zum Werkstattverbund

Herr Müller-Handler kann aus eigener Erfahrung bis hierher berichten.
Als er 1971 im „Gut Frohnhof“ begann, waren es 35 Beschäftigte und sieben angestellte Mitarbeitende. Zu seiner Verabschiedung im März 2007 hatten die „Caritas Werkstätten Köln“ an vier Standorten in Köln 580 Beschäftigte und 130 angestellte Mitarbeitende.

 

Auch in den folgenden Jahren wurden die Standorte kontinuierlich weiterentwickelt. Im Juni 2012 wurden die Ford-Gruppen an den neuen Standort in der Richard-Byrd-Straße verlagert. Im November desselben Jahres erfolgte die Zusammenführung aller Nähgruppen sowie der Weberei am Standort Gut Frohnhof.

2015 wechselten die verbliebenen Industrieservicegruppen aus dem Nordtrakt des Gut Frohnhof an den Standort Heinrich-Rohlmann-Straße. Anfang 2016 wurde der Bereich der Arbeitsgruppen mit besonderer Betreuung um drei produktionsnahe Gruppen erweitert.

Im November 2017 wurde die Außenarbeitsgruppe Dillenburger geschlossen und in den Gut Frohnhof integriert. Zwei Jahre später entstand dort außerdem eine Kleinstgruppe für Menschen mit besonders hohem Unterstützungsbedarf.

Caritas Wertarbeit heute

Heute steht die Caritas Wertarbeit für vielfältige Arbeits- und Förderangebote, individuelle Unterstützung und kontinuierliche Weiterentwicklung für knapp 1000 Beschäftigte. Was 1961 mit sieben Beschäftigten begann, hat sich zu einem modernen Werkstattverbund entwickelt, der Menschen mit Behinderung und psychischer Erkrankung vielfältige Möglichkeiten zur beruflichen Teilhabe eröffnet.

Weitere Infos zum heutigen Angebot der Caritas Wertarbeit:

GEAS-Anpassungsgesetz: Mehr Kontrolle – weniger Rechtsschutz?

Ein Kommentar von Mitarbeitenden der Caritas Köln, Geschäftsfeld Integration. Autorinnen: Laura Romeis, Pia Hannes, Kristina Meißner und Svenja Mattes

Am 12. Juni 2026 tritt das GEAS-Anpassungsgesetz in Kraft.

Schon jetzt zeigt sich in der Beratungspraxis: Die Reform führt nicht nur zu mehr Komplexität, sondern markiert einen grundlegenden Richtungswechsel im Asylsystem.
Der Fokus verschiebt sich spürbar – weg vom Schutz, hin zu Kontrolle, Beschleunigung und Abschreckung. Für Schutzsuchende bedeutet das mehr Unsicherheit. Für Beratungseinrichtungen für Geflüchtete führt dies zu mehr Druck bei gleichzeitig erschwerten Rahmenbedingungen.

Im Folgenden werden die wichtigsten Kritikpunkte aus Beratungssicht aufgeführt:

  1. Beschleunigte Verfahren: Weniger Zeit, mehr Fehlerrisiken

Grenz- und beschleunigte Verfahren werden ausgeweitet und prägen zunehmend den Zugang zum Asylsystem. Entscheidungen sollen künftig oft innerhalb weniger Wochen fallen – teilweise ohne aufschiebende Wirkung von Klagen. Das hat gravierende Konsequenzen: Für die Vorbereitung auf das Verfahren und die Aufarbeitung der Fluchtgründe bleibt kaum Zeit. Gleichzeitig ist der Zugang zu unabhängiger Beratung eingeschränkt, was die Situation weiter verschärft. Unter diesen Bedingungen steigt das Risiko von Fehlentscheidungen deutlich. Besonders kritisch ist, dass auch komplexe oder besonders schutzbedürftige Fälle in diese Verfahren einbezogen werden können. Dadurch wächst die Gefahr, dass individuelle Schutzbedarfe nicht erkannt werden.

  1. Früherfassung ohne Vertrauen: Die Grenzen des Screenings

Das verpflichtende Screening soll Vulnerabilitäten möglichst früh identifizieren – innerhalb weniger Tage. Aus der Beratungspraxis ist jedoch bekannt, dass dies kaum realistisch ist. Viele Betroffene sprechen nicht sofort über traumatische Erfahrungen wie Gewalt oder Verfolgung; dafür braucht es Zeit und Vertrauen. Beides fehlt in einem stark standardisierten Kurzverfahren. Hinzu kommt, dass bislang unklar ist, welche Rolle unabhängige Beratung im Screening überhaupt spielt.

Die Folge: Schutzbedarfe werden häufig zu spät erkannt. Damit werden bereits zu Beginn des Verfahrens entscheidende Weichen falsch gestellt – mit oft schwer korrigierbaren Konsequenzen.

  1. Freiheitsbeschränkungen als neuer Standard

Die Reform geht mit einer deutlichen Ausweitung von Bewegungseinschränkungen einher. Menschen müssen teilweise bis zu zwölf Monate unter restriktiven Auflagen in Aufnahmeeinrichtungen leben. In sogenannten Sekundärmigrationszentren gelten noch strengere Bedingungen, verbunden mit Aufenthaltsdauern von bis zu 24 Monaten. Verstöße können zudem mit Sanktionen bis hin zur Asylverfahrenshaft geahndet werden. Auch wenn dies formal keine Haft darstellt, handelt es sich in der Praxis häufig um eine Form der De-Facto-Inhaftierung.

Für die Beratungspraxis bedeutet das erhebliche Hürden: Der Zugang zu Beratungsangeboten wird massiv erschwert, weil das Verlassen der Einrichtungen oft genehmigt werden muss. Gleichzeitig verstärken Isolation und Perspektivlosigkeit die psychische Belastung der Betroffenen erheblich.

  1. Rechtsschutz unter Druck: „Effektiv“ nur auf dem Papier?

Zwar betont die Reform das Recht auf „effektive“ Beratung – in der Praxis bleibt dieses Versprechen jedoch vielfach unerfüllt. Rechtsberatung ist häufig nicht niedrigschwellig erreichbar, und kostenpflichtige anwaltliche Angebote sind für viele Schutzsuchende schlicht nicht finanzierbar. Staatliche Instrumente wie die Prozesskostenhilfe greifen zudem erst spät im Verfahren und decken den tatsächlichen Bedarf nicht ab.

Das verweist auf ein grundlegendes Problem: Ein Recht, das zwar formal besteht, aber praktisch kaum wahrgenommen werden kann, ist kein effektives Recht. Umso wichtiger ist die Rolle unabhängiger Beratung. Sie ist keine Ergänzung, sondern eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Asylverfahren rechtsstaatlich funktionieren.

  1. Besonders gefährdet: vulnerable Gruppen

Gerade für besonders schutzbedürftige Personen bleiben zentrale Schutzmechanismen unzureichend. Klare Ausnahmen von beschleunigten Verfahren fehlen ebenso wie verlässliche Regelungen für Kinder, Kranke oder traumatisierte Menschen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen, individuelle Schutzbedarfe frühzeitig und detailliert darzulegen – und zwar unter Bedingungen, die genau das erschweren. Diese Diskrepanz führt dazu, dass gerade diejenigen, die besonderen Schutz benötigen, besonders leicht durchs Raster fallen.

Fazit: Beratung wird zentral – und gleichzeitig erschwert

Das GEAS-Anpassungsgesetz führt zu einem System, das stärker selektiert als schützt. Für die Beratungspraxis entsteht dadurch ein Spannungsfeld: Der Unterstützungsbedarf wächst deutlich, während zugleich der Zugang zu Ratsuchenden eingeschränkt wird. Hinzu kommen steigende rechtliche und zeitliche Anforderungen an die Beratungsarbeit.

Unabhängige Beratung wird damit zur Schlüsselfunktion. Sie schafft Vertrauen, ermöglicht den Zugang zu Rechten und wirkt strukturellen Ungleichgewichten entgegen. Gerade unter restriktiveren Bedingungen gilt daher mehr denn je: Ohne unabhängige Beratung droht der Verlust effektiven Rechtsschutzes.

 

Alle Hilfs-und Beratungsmöglichkeiten zum Thema Integration der Caritas Köln: Caritasverband für die Stadt Köln e.V. | Migration

Gesunde Fachkräfte – das Fundament für starke Kitas!

Demographische Rendite jetzt für bessere Bildungsarbeit nutzen!

ein Beitrag von Guido Geiss, Leistungsbereichsleitung CariKids und Maria Taxacher, Koordination CariKids

Als CariKids gGmbH – Träger von fünf Kitas – erleben wir täglich, wie sehr unsere pädagogischen Fachkräfte unter Druck stehen. Die sich genau hierbeziehende aktuelle Stellungnahme der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) bestätigt, was wir seit Jahren beobachten: Hohe Krankenstände und psychische Belastungen gefährden die Qualität der frühkindlichen Bildung. Gleichzeitig begrüßen wir auch die Chance der demografischen Rendite, wie die Bundesbildungsministerin Karin Prien erkennt und wie sie auch im Gutachten benannt wird: Gesundheitsförderliche Maßnahmen ließen sich bereits kurzfristig umsetzen, denn der demographische Wandel und die Alterung der Gesellschaft ermöglichen bei einem Erhalt bestehender Personalkapazitäten trotz sinkender Kinderzahlen eine klare Verbesserung der strukturellen Rahmenbedingungen.

Die SWK fordert zu Recht: Gesundheitsförderung muss endlich Priorität haben! Wir schließen uns dieser Forderung mit Nachdruck an und appellieren an die Politik, jetzt die Weichen für eine nachhaltige Verbesserung zu stellen.

Darum ist es wichtig jetzt zu handeln:

  • Laut DAK sind Erzieher*innen im Schnitt fast 30 Tage pro Jahr krank. Das ist deutlich mehr als andere Berufsgruppen.
  • Hohe Fluktuation und Ausfälle führen zu eingeschränkten Öffnungszeiten, wechselnden Bezugspersonen und sinkender pädagogischer Qualität.
  • Hohe Belastung für Familien und Kinder. Gerade junge Kinder brauchen stabile Beziehungen. Instabile Betreuung gefährdet ihre Entwicklung.

Jetzt die Chance der demografischen Rendite nutzen.

Über Jahre haben die Kitas die Gruppen überbelegt, um der hohen Geburtenrate gerecht zu werden. Es ist an der Zeit den Menschen in den Kitas etwas zurückzugeben.

Sinkende Geburtenraten bedeuten weniger Kinder in Kitas und damit freiwerdende personelle Ressourcen. Diese dürfen nicht in Kürzungen münden! So wie die Bundesbildungsministerin Karin Prien erkennen auch wir die Chance, die in der demographischen Rendite liegt. Anstelle von Kita Schließungen und Entlassungen von Fachkräften sollte der Personalschlüssel, die Relation von Personalstunden zu Kinderzahl in der Gruppe, verbessert werden.  Gesundheitsförderung soll verbessert und flächendeckend finanziert werden und es soll mehr Zeit für Weiterbildung und Vorbereitungen geschaffen werden.

Die demografische Rendite ist unsere Gelegenheit, das System krisenfest und zukunftsfähig zu machen.

Unsere Forderungen sind deshalb:

  1. Personalschlüssel realistisch anpassen
    Krankenstände und Fluktuation müssen in die Berechnung einfließen. Papierwerte helfen nicht, wir brauchen echte Entlastung im Alltag.
  2. Zeit für Qualität schaffen
    Pädagogische Arbeit braucht Raum für Vorbereitung, Elternarbeit und Weiterbildung. Diese Zeiten müssen verbindlich eingeplant und finanziert werden.
  3. Gesundheitsförderung verankern
    Angebote zur Stressbewältigung, Supervision und Prävention dürfen kein Luxus sein, sondern Standard in jeder Kita.
  4. Demografische Rendite investieren
    Freiwerdende Ressourcen müssen in bessere Arbeitsbedingungen und Gesundheitsschutz fließen. Nicht in Sparmaßnahmen.

Die Gesundheit unserer Fachkräfte ist kein Randthema, sie ist die Basis für gute Bildung. Wenn wir wollen, dass Kinder verlässlich gefördert und betreut werden, müssen wir die Menschen stärken, die diese Arbeit leisten.

Gesunde Fachkräfte bedeuten starke Kinder und eine starke Zukunft für uns alle. In die Bildung investieren ist eine Investition in die Zukunftsfähigkeit unserer vielfältigen Gesellschaft.

Gesunde Fachkräfte = starke Kitas!
Die SWK fordert mehr Gesundheitsförderung für Erzieher*innen. Wir als CariKids – Träger von fünf Kitas – sagen: Ja, sofort!

  • Hohe Krankenstände und psychische Belastungen gefährden Qualität und Verlässlichkeit.
  • Sinkende Kinderzahlen sind keine Sparchance, sondern eine Chance für bessere Arbeitsbedingungen.

Wir fordern daher:

  • Realistische Personalschlüssel
  • Zeit für Vorbereitung & Weiterbildung
  • Verbindliche Gesundheitsprogramme
  • Neue Karrierewege für Fachkräfte

Der neue nordrheinwestfälische KiBiz-Referentenentwurfes lässt bislang leider nicht darauf hoffen, dass die hier beschriebene Chance wahrgenommen wird. Umso mehr gilt es jetzt zu handeln – für stabile Betreuung, starke Teams und eine Zukunft, die Kinder verdient haben!

Die Pflege steht vor einem Wendepunkt

Der Verband katholischer Altenhilfe in Deutschland (VKAD) hat den Bericht der Bund-Länder-AG „Zukunftspakt Pflege“ kritisiert.

Detlef Silvers, Leiter des Geschäftsfeldes Alter und Pflege in der Caritas Köln, erläutert, warum, und erklärt Herausforderungen und Chancen.

Unfähig zur echten Reform

Das System der sozialen Sicherung ist zu großen und wichtigen Teilen in den Sozialgesetzbüchern (SGB) definiert. Dies ist seit dem 19. Jahrhundert wesentlicher Teil der sozialen Fürsorge in Deutschland. Unsere Gesellschaft und die Bundesrepublik Deutschland steht auf Grund des demographischen Wandels vor der Herausforderung eines Umbaus der sozialen Sicherungssysteme. Immer mehr alte, kranke und pflegebedürftige Menschen stehen einer sinkenden Zahl an jungen und erwerbstätigen Menschen gegenüber, bei einer sich gleichzeitig zunehmend globalisierenden Wirtschaft.

Wesentliche Säulen sind die Arbeitslosenversicherung, die Rentenversicherung, die Unfallversicherung und die Krankenversicherung, seit den 1990er Jahren ergänzt um die Pflegeversicherung. Die Finanzierung fußt dabei auf Beiträgen der Arbeitgeber (als Beitrag zu deren sozialen Verpflichtung gegenüber den Arbeitnehmern) und den eigenen Beiträgen der Arbeiter und Angestellten. Diese Finanzierung setzt voraus, dass die Wirtschaftsleistung der Unternehmen eine Produktivität hat, die neben Gewinnen der Unternehmer und angemessenen Löhnen der Mitarbeiter, auch Abgaben für die soziale Sicherung „abwirft“. Zudem beruht das System auf einem Generationenvertrag „jung sorgt für alt“.

Die Globalisierung der Wirtschaft, in denen neue Länder konkurrierend in Technologie und Herstellung von Waren vorstoßen, und die überproportionale Steigerung der Anteile alter und hochbetagter Menschen in den westlichen Gesellschaften, machen eine Weiterentwicklung der Sozialen Sicherungssysteme erforderlich.

Seit der Agenda 2010 der rot-grünen Regierung (2003-2005) unter Gerhard Schröder, die den deutschen Arbeitsmarkt und Sozialstaat grundlegend umbaute, unabhängig vom kritischen Diskurs um die Auswirkungen dieser Reform, fehlt es an wirklichen und durchgreifenden Veränderungen im Sozialsystem.

Auf die Nicht-Reform der Rentenversicherung in den letzten Monaten, folgt nun der Abschlussbericht der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Zukunftspakt Pflege“. Diesen kritisiert unser Fachverband Pflege VKAD der Caritas Deutschland als „Papier voller Andeutungen ohne Verbindlichkeit“. Das Papier bleibt, so der Vorsitzende des Verbandes Andreas Wedeking ambitionslos und verschiebt wichtige Entscheidungen auf den Sankt Nimmerleinstag: „Die Pflege braucht kein weiteres Sammelpapier von prüfbaren Optionen, sondern ein Reformpaket, das eindeutig regelt, was kommt, wer es finanziert und ab wann es gilt. Nur eine solche Entschlossenheit zeigt den politischen Willen zu einer stabilen Finanzierung. Die vorgelegten Eckpunkte zeigen ihn nicht.“

Die Anforderung bleibt auch aus unserer Sicht, die Weiterentwicklung der Sozialen Sicherungssysteme unter der Beachtung der unausweichlichen Wahrheiten der sich verändernden Rahmenbedingungen.

Dazu beschreibt Silvers die folgenden Herausforderungen und Chancen:

  1. Statt ständig steigender Eigenanteile bei Pflegebedürftigen braucht eine klare Abgrenzung der Pflegekosten in den Pflegeeinrichtungen zu den Kosten der Pflegekassen und Kommunen. Das Modell des „Spitze-Sockel-Tausch“, mit einer Begrenzung und Festlegung von Eigenanteilen, wurde bereits wiederholt über die Caritas eingebracht, wird von vielen Experten befürwortet, findet aber in der Politik keinen positiven Widerhall. Ob eine solche Festlegung der Eigenanteile mit festen Beträgen erfolgt, oder einkommensabhängig gestaffelt wird, wären zusätzliche Varianten.
  2. Die zunehmende Ausgabenlast der Kommunen, welche sich auch aus den steigenden Eigenanteilen der Pflegebedürftigen nährt, stellt ein echtes Problem für die bereits belasteten kommunalen Haushalte dar. Durch eine mit einer Begrenzung und Festlegung von Eigenanteilen ergäben sich hier ebenfalls Entlastungen.
  3. Die Grundlage der Finanzierung der Pflegeversicherung muss aufgrund der allein durch die Veränderung der demographischen Relation „Beitragszahler zu Beitragsempfängern“ zwingend verändert werden: Entweder eine Finanzierung aus Steuermitteln oder durch eine Ausweitung der Beitragsgrundlage über die reine Lohnabgabe hinaus (Erfassung sonstiger Einkünfte).
  4. Es gilt, so unangenehm dies sein mag, eine Prüfung und Bewertung der Leistungen aus der Pflegversicherung. Was ist die Kernaufgabe der Pflegeversicherung? Welche Leistungen müssen als Pflichtleistungen gesichert werden? Welche Leistungen sind auch als Eigenverantwortung der Altersvorsorge zu finanzieren, besonders in der Frage von Haushaltsleistungen und der allgemeinen Betreuung? In welchen Teilen muss private Vorsorge gefordert und gefördert werden?
  5. Müssen ggf. auch bestimmte Leistungen unter einen „Einwilligungsvorbehalt“ und eine „Indikationsstellung“ gestellt werden? Ist eine „Wahlfreiheit“ der Leistungen zwischen den Bereichen ambulant – teilstationär – stationär dauerhaft möglich, oder begrenzen allein Finanzierung und Verfügbarkeit hier nicht die Möglichkeiten? Wenn wir den Zugang zu den zunehmend knappen Ressourcen der Pflege nicht sinnvoll regulieren, wird dies die Notsituationen noch mehr ansteigen lassen.
  6. Die Unterhaltspflicht für Pflegebedürftige (Elternunterhalt) greift erst bei einem Jahresbruttoeinkommen der Kinder über 100.000 €. Diese Regelung wurde eingeführt, um Angehörige von Pflegedürftigen nicht zu belasten. Auch der Rückgriff auf vorzeitige Übertragungen von Vermögen wist auf eine Frist von zehn Jahren begrenzt. Beides könnte man auch als „Erbenschutzprogramm“ bezeichnen. Muss das eigene Vermögen nicht auch als Teil der Sozialen Vorsorge betrachtet werden? Und kann die Fürsorgepflicht für die eigenen Eltern tatsächlich auf eine bestimmte Einkommenshöhe begrenzt bleiben? Vor dem Hintergrund des Wandels in unserer Gesellschaft muss hier eine Diskussion erlaubt sein.

Um das System der sozialen Pflegeversicherung zu sichern, ist ein „Aussitzen“ der Probleme unmöglich. Diese werden uns dann später nur noch heftiger treffen. Natürlich haben alle Beteiligten eigene Interessen und Besitzstände – wir werden dies aber nicht alles bewahren können, wenn wir einen Zusammenbruch des Systems vermeiden wollen. Vielmehr bedarf es des Konsens: Die Pflege bedarfsgerecht und für alle sichern, indem alle einen angemessen und leistbaren Beitrag hierzu leisten.

Internationaler Tag der Menschenrechte

10. Dezember – Ein Tag des Erinnerns, Mahnens und Hinschauens

ein Kommentar von Zwan Karim – Leitung Perspektivberatung für Geflüchtete und des Caritas Therapiezentrum für Menschen nach Folter und Flucht

Der Internationale Tag der Menschenrechte erinnert uns jährlich daran, dass die Würde jedes Menschen unantastbar ist. Dieses Prinzip bildet das Fundament unserer demokratischen Gesellschaft – und es verpflichtet uns, für jene einzustehen, deren Rechte bedroht sind. Dazu gehören in besonderem Maße geflüchtete Menschen.

Sie fliehen nicht aus „Bequemlichkeit“, sondern vor Krieg, Verfolgung, Gewalt und Perspektivlosigkeit. Sie suchen Schutz – und die Suche nach Asyl ist ein Menschenrecht. Dieses Recht ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (Artikel 14) festgeschrieben und in Deutschland durch Artikel 16a Grundgesetz garantiert. Asyl ist kein politisches Zugeständnis. Es ist ein Grundrecht, das nicht von Stimmungen oder Mehrheiten abhängig sein darf.

Menschenrechte unter Druck: Wie Geflüchtete zunehmend dargestellt werden

In der öffentlichen Debatte geraten diese Grundsätze jedoch immer häufiger aus dem Blick. Begriffe wie „illegale Migration“, „Grenzsicherung“ oder „Abschiebungen“ dominieren die Diskussion – während die menschlichen Schicksale in den Hintergrund treten. Doch hinter jeder Zahl steht ein Mensch – mit einer Geschichte, mit Hoffnungen und häufig mit tiefen Verletzungen. Der Internationale Tag der Menschenrechte mahnt uns: Wer Schutz sucht, hat ein Recht darauf, gehört, gesehen und geschützt zu werden.

Weltweite Dimension: Millionen auf der Flucht

Die aktuellen Zahlen des UNHCR (Juni 2025) verdeutlichen, wie dringlich der Schutz von Menschenrechten weltweit ist:

  • 122 Millionen Menschen sind derzeit gewaltsam vertrieben.
  • Darunter 42,7 Millionen Flüchtlinge, die über internationale Grenzen fliehen mussten.
  • Zusätzlich rund 73,5 Millionen Binnenvertriebene (IDPs) im eigenen Land.
  • 67 % aller Geflüchteten bleiben in unmittelbaren Nachbarstaaten – oft in Ländern mit sehr begrenzten Ressourcen.

Diese Realität zeigt: Flucht und Vertreibung sind globale Phänomene – kein „europäisches Problem“.

Europa im globalen Vergleich

In Europa leben etwa 8,9 Millionen Flüchtlinge und Asylsuchende – Geflüchtete. Das entspricht weniger als 8 % aller weltweit Vertriebenen. Geflüchtete machen 1,7 Prozent der Gesamtbevölkerung der EU aus. Europa ist damit keineswegs Hauptziel von Menschen auf der Suche nach Schutz. Die überwältigende Mehrheit bleibt in ihrer Herkunftsregion.

Deutschland im internationalen Kontext

Deutschland bleibt eines der wichtigsten Aufnahmeländer weltweit. Rund 2,6 Millionen Menschen haben Ende 2024 hier Schutzstatus oder ein laufendes Asylverfahren gehabt. Deutschland gehört damit zu den Top-5-Aufnahmestaaten weltweit. Dennoch: Die meisten Geflüchteten erreichen nie Europa. Viele finden Schutz in ärmeren Nachbarstaaten – dort, wo geografische Nähe wichtiger ist als wirtschaftliche Stärke.

Besonders schutzbedürftige junge Geflüchtete

Wie fragil Menschenrechte im Alltag sein können, zeigt sich besonders deutlich bei jungen Geflüchteten. In Köln beobachten wir eine besorgniserregende Entwicklung. Jugendliche, die nur wenige Wochen oder Monate vor ihrem 18. Geburtstag stehen, werden zunehmend vorschnell als volljährig eingestuft – häufig allein auf Basis einer kurzen Inaugenscheinnahme, ohne fundierte Prüfung, ohne transparente Kriterien und ohne Berücksichtigung ihres individuellen Entwicklungsstandes.

Diese Entscheidungen führen regelmäßig dazu, dass die Inobhutnahme beendet wird und die Jugendlichen ohne Schutz in regulären Unterkünften landen. In mehreren Fällen mussten wir Unterstützung bei Widerspruch einlegen und Eilantragstellung anbieten, um ein korrektes Verfahren zu gewährleisten und die Jugendlichen in ein medizinisches Altersgutachten zu überführen.

Wie gravierend die Folgen für die Betroffenen sein können, zeigt ein Fall aus unserer Beratungspraxis:

M., ein unbegleiteter minderjähriger Jugendlicher war im Juli in unserer Beratungsstelle. Er hatte vor kurzem den Termin beim Jugendamt. Bei der Inaugenscheinnahme wurde er als 18 Jahre eingeschätzt, woraufhin die Inobhutnahme beendet wurde. Wir haben bei der Eilklage und dem Widerspruch unterstützend begleitet, da er keinen sachkundigen Vertreter hatte. Erst dadurch wurde ein medizinisches Altersgutachten durchgeführt und er unter 18 Jahre eingestuft. Bis Anfang November hatte M. keine Zuweisung nach Köln und konnte keine Termine bei der Kommunalen Integration bekommen um eine Zuweisung für eine Schule oder einen Sprachkurs zu erhalten. Es sollte noch im November eine Vormundschaft eingerichtet werden – erst dann kann einen Antrag auf Asyl beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gestellt werden.

Der Fall zeigt, wie schnell Jugendliche in existenzielle Unsicherheit geraten können. M. hätte jetzt eine passende Unterkunft, eine Schule oder Sprachkurs haben können und ihm hätte eine Menge Unsicherheiten erspart bleiben können, wenn das System und die Strukturen geregelt gelaufen wären.

 

Mehr erfahren:

Perspektivberatung Caritas Köln

Therapiezentrum Caritas Köln

Quellen:

https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/563237/weltfluechtlingstag-2025/

https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/informieren/fluechtlingszahlen

https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/hilfe-weltweit/hilfe-in-deutschland

 

Armut bekämpfen, Teilhabe sichern: Warum Hilfsangebote unverzichtbar sind

Zum internationalen Tag für die Beseitigung der Armut (17. Oktober)

Armut ist längst kein Randphänomen mehr. Sie betrifft Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, Alleinerziehende, Rentner*innen, junge Erwachsene ohne gesicherten Bildungsweg und zunehmend auch Familien aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Die soziale Ungleichheit wächst – mit gravierenden Folgen für die Betroffenen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Arm zu sein bedeutet weit mehr als einen Mangel an Geld. Es heißt oft: keine angemessene Wohnung zu finden, auf notwendige Gesundheitsleistungen zu verzichten, Schulden anzuhäufen oder bei Bildungschancen abgehängt zu werden. Armut isoliert, macht ohnmächtig – und sie vererbt sich. Gerade deshalb sind verlässliche und niedrigschwellige Hilfsangebote unverzichtbar. Sie geben Orientierung, schaffen Zugang zu Leistungen, öffnen Wege aus der Krise und ermöglichen gesellschaftliche Teilhabe. Ob Unterstützung bei der Wohnungssuche, Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen oder die Vermittlung an spezialisierte Fachstellen – jede Form konkreter Hilfe kann der entscheidende Schritt sein, um Armut zu überwinden.

Doch vielerorts ist das Hilfesystem überlastet oder nicht ausreichend erreichbar. Die Zahl öffentlich geförderter Beratungsstellen reicht längst nicht aus, um den tatsächlichen Bedarf zu decken. Viele Menschen in Not werden gar nicht oder zu spät erreicht. Die Folgen sind gravierend: drohender Wohnungsverlust, Überschuldung, gesundheitliche Probleme oder der Rückzug aus der Gesellschaft. Langfristig schwächt das nicht nur die Betroffenen, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Hier übernehmen Wohlfahrtsverbände wie die Caritas Köln und ihre Fachverbände besonders in den sogenannten Randbezirken eine tragende Rolle. Sie finanzieren zahlreiche Angebote aus Eigenmitteln und schaffen dort Strukturen, wo staatliche Unterstützung fehlt – mit Beratungsangeboten oder durch kirchliche „Lotsenpunkte“, also Erstanlaufstellen in den Kölner Gemeinden. Sie helfen Menschen mit komplexen, oft miteinander verwobenen Problemen – von Arbeitslosigkeit über Energieschulden bis zu familiären Krisen – und unterstützen sie dabei, Ansprüche geltend zu machen oder den Kontakt zu Behörden zu bewältigen. Als vertrauliches und kostenloses Angebot können sie helfen, Menschen den Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu ebnen.

Die zunehmende Finanznot der Kommunen, aber auch das immer stärkere Hinterfragen des Sozialstaates insgesamt, macht es für die Caritas immer schwerer, eigenmittelgetragene Beratungsstrukturen aufrecht zu erhalten. Das trifft am Ende vor allem diejenigen, die ohnehin am stärksten benachteiligt sind. Jede nicht finanzierte Beratungsstunde kann bedeuten: ein Mensch weniger, der rechtzeitig Hilfe erhält.

Statt öffentlicher Ablenkungsdebatten wie sie gerade im Kontext der Diskussionen ums Bürgergeld mit anzusehen sind, braucht es gute Rezepte! Um Armut wirksam zu begegnen, braucht es politische Priorität und strukturell auskömmliche Lösungen – auf kommunaler wie auf bundesweiter Ebene. Nur ein stabiles Netz an Hilfsangeboten kann verhindern, dass Armut sich verfestigt und gesellschaftliche Teilhabe verloren geht.

Ein Kommentar von: Tim Westerholt, Geschäftsfeldleiter Integration, Caritas Köln und Claudia Metternich, Leistungsbereichsleitung Jugend und berufliche Integration, Caritas Köln

Caritas Köln sagt Danke – Ein Fest für das Ehrenamt

von Simone Streif (Referentin Ehrenamt)

Für die Caritas Köln ist das Ehrenamt ein wichtiger Bestandteil ihres Wirkens. Freiwillig Engagierte setzen sich mit Herz, Zeit und Tatkraft für Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen ein. Um diesen Einsatz zu würdigen, lud die Caritas Köln zu einer zentralen Dankesfeier für ihre ehrenamtlichen Mitarbeitenden ein – und über 100 Engagierte aus den drei Geschäftsfeldern des Verbandes sowie der Kölsch Hätz Nachbarschaftshilfen folgten der Einladung in die Geschäftsstelle nach Ehrenfeld.

Nach einer längeren Pause seit der letzten verbandsübergreifenden Feier, war die Freude über die große Resonanz besonders spürbar. Vorstandssprecher Markus Peters und Simone Streif, Referentin Ehrenamt, begrüßten die Gäste herzlich und sprachen ihren tiefen Dank für das außergewöhnliche Engagement aus.

Über 1.000 Ehrenamtliche bei der Caritas Köln aktiv

Vorstandssprecher Markus Peters spricht beim Dankesfest für Ehrenamtliche

Vorstandssprecher Markus Peters bedankte sich in seiner Ansprache bei den über 100 Ehrenamtlichen für ihr Engagement.

Aktuell engagieren sich über 1.000 Menschen ehrenamtlich bei der Caritas Köln – in Altenzentren, sozialpsychiatrischen Einrichtungen, Beratungsstellen, als Sprachmittler*innen, in der Hospizarbeit, bei der Nachbarschaftshilfe Kölsch Hätz und vielen weiteren Bereichen. Die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten zeigt die Stärke des Verbandes: Ehrenamt hat viele Gesichter und ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Caritas-Arbeit.

Organisiert wurde die Feier von Simone Streif aus der Stabsabteilung Engagement | Gesellschaft | Gemeinde, unterstützt von zahlreichen hauptamtlichen Kolleg*innen. Diese mixten alkoholfreie Cocktails, grillten Würstchen, dekorierten die Räume festlich und sorgten für einen reibungslosen Ablauf. Die Atmosphäre war geprägt von Austausch, Gemeinschaft und guter Laune – musikalisch begleitet von Svitlana Kavka, die auf ihrer Bandura auch kölsche Töne erklingen ließ.

Freude empfangen und weitergeben durch ehrenamtliches Engagement

Bereits bei der Anmeldung wurden die Ehrenamtlichen gefragt, was ihnen ihr Engagement bedeutet. Die Rückmeldungen wurden aufmerksam gelesen und als Girlanden ausgehängt. Viele der Ehrenamtlichen antworteten, dass sie durch ihr Ehrenamt Freude empfangen oder weitergeben – ein starkes Zeichen für die emotionale Bedeutung des freiwilligen Einsatzes. Diese Freude war auch in den Räumlichkeiten der Geschäftsstelle deutlich zu spüren. Ein weiteres zentrales Motiv war der Wunsch zu helfen:

  • um Verantwortung zu übernehmen,
  • um etwas zurückzugeben,
  • um sich sinnvoll einzubringen oder
  • um zu erleben, wie bereichernd das Engagement auch für einen selbst sein kann.

Zum Abschluss erhielt jede*r Ehrenamtliche eine kleine Aufmerksamkeit als Zeichen der Wertschätzung. Denn eines ist klar: Die Caritas Köln ist an 365 Tagen im Jahr dankbar für das, was ihre ehrenamtlichen Mitarbeitenden leisten.

Diese Veranstaltung wird in Erinnerung bleiben – als Ausdruck von Gemeinschaft und Motivation und als klares Signal: Der Caritasverband kann und will nicht ohne das Ehrenamt sein.

Sie möchten sich ebenfalls engagieren?
Dann besuchen Sie www.caritas-koeln.de/Ehrenamt und finden Sie das passende Ehrenamt für sich!

Ein Geschenk des Himmels

Der Regenbogen ist mehr als ein wiederkehrendes Naturwunder. Er ist sogar mehr als ein irgendwie zeitgemäßes und leuchtendes Symbol für Vielfalt. Er ist für Christinnen und Christen auch Zeichen des Bundes. Eines unverbrüchlichen Bundes, den Gott mit den Menschen geschlossen hat.

So steht es an prominenter Stelle im neunten Kapitel des Buches Genesis („Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Zeichen des Bundes werden zwischen mir und der Erde“, Gen 9,12). Vorausgegangen ist diesem Bundesschluss die Geschichte von der Arche Noah. Und so kann man auch heutzutage festhalten: Der Regenbogen ist buchstäblich ein Geschenk des Himmels! Er verbindet Himmel und Erde. Er erinnert an einen Bund, der über uns Menschen hinausweist. Er mahnt auch zu einer erhöhten Sensibilität im Umgang mit der Schöpfung und ihren besonderen Ansprüchen.

In unserer Zeit aber ist der Regenbogen vor allem ein Symbol der Vielfalt. Wie könnte es anders sein? Der Regenbogen ist bunt und er verbindet Farben, die unvermischt und ungetrennt nebeneinander stehen. Seine friedliche Wirkung ist vorbildhaft und zugleich beruhigend.

Man kann am Regenbogen vorbeigehen, man kann ihn im Zweifel sogar ignorieren – er ist trotzdem da! Und so ist es auch mit dem Glauben an Gott in der großen Menschheitsfamilie und so ist es – in Gottes Namen – auch mit der Vielfalt, in unserer Stadt, in unserem Land, in unserer Welt.

Diese Vielfalt ist für uns als Caritas keine Bedrohung, sondern – eben: ein Geschenk des Himmels! Vielfältig hat Gott die Menschen erschaffen, wohl nicht ganz zufällig. Gottlob haben die vergangenen Jahre, so beschwerlich sie manchmal auch waren, wesentlich dazu beigetragen, dass eine Sensibilität für die Vielfalt und ihre wiederum vielfältigen Dimensionen gewachsen ist.

Wir als Caritas verstehen uns aus guten Gründen als Motor dieser Bewegung. Denn es gehört auch zur Wahrheit, dass Vielfalt über unendlich lange Zeiträume ersehnt wurde und errungen werden musste. Vielfach ging der Gegenwart hier eine Leidensgeschichte voraus. Für nicht wenige ist diese Leidensgeschichte noch immer eine bittere Realität. Verbunden mit Diskriminierung, Desintegration und auch Verzweiflung. Wo sonst aber als an der Seite derer, die von gesellschaftlichen Verhältnissen zu Opfern gemacht werden, könnte der Ort der Kirche sein?

Gott selbst hat die Welt nach christlichem Glauben nicht nur bunt und vielfältig geschaffen, sondern er hat sich auch noch besonders mit den Leidenden und Ausgegrenzten verbunden. Es gibt für den Bund kaum ein schöneres Zeichen als den Regenbogen. Er könnte gleichermaßen für Gläubige wie Nichtgläubige ein Geschenk des Himmels sein. Und genauso ist er ein wichtiges Zeichen der Vielfalt. Wir sind froh darüber, dass der Regenbogen viele unserer Einrichtungen nicht nur schmückt, sondern auch prägt!

Dr. Tim Schlotmann, Caritas Köln

Stab Seelsorge und christliche Identität

 

Idylle und Zerstörung

Auswirkungen des „globalen Goldhungers“ und Hoffnungsschimmer

– eine Pressereise in das Amazonasgebiet Perus

von Marianne Jürgens, freie Journalistin (ehemals Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Caritasverband Köln), Juni 2025 – Titelbild: Carolin Kronenburg/Caritas international

Auf den ersten Blick eine Idylle: Sanft gleitet unser kleines flaches Boot über den Rio Madre de Dios und den Rio de la Piedra, Nebenflüsse des Amazonas in Peru. Am Ufer blicken wir auf üppigen Regenwald. Schnell ändert sich das Bild. Mehrere große Brachflächen, die Spuren illegaler Goldminen und der damit verbundenen Abholzung werden sichtbar. Auf einer Pressereise der GkP (Gesellschaft katholischer Publizistinnen und Publizisten) mit Caritas international sind wir im Amazonasgebiet zur indigenen Dorfgemeinschaft Boca Pariamanu unterwegs, die nur mit dem Boot nach anderthalbstündiger Fahrt zu erreichen ist

Mit einem dieser Boote zur indigenen Dorfgemeinschaft, Foto: Marianne Jürgens

Die sich zuspitzende Ökokatastrophe im Amazonasgebiet, der Kahlschlag im Regenwald, die Vergiftung großer Landstriche durch Einsatz von Quecksilber bei illegaler Goldschürfung und Vernichtung der Artenvielfalt: Auch in deutschen

Foto: Carolin Kronenburg/Caritas international

Medien wird regelmäßig berichtet, wie dadurch der Lebensraum der indigenen Bevölkerung vernichtet und die Klimaerwärmung weltweit beeinflusst wird.

Humanitäre Hilfe der Caritas und Projekte zur Bewältigung der Klimakrise

Humanitäre Hilfe der Caritas ist nicht zu trennen von Projekten zur Bewältigung der Klimakrise, hat diese doch unmittelbare Auswirkungen auf das Überleben und die Lebensqualität der Menschen. Wir lernen von Caritas Deutschland und der Caritas vor Ort initiierte und geförderte Projekte für den Erhalt des empfindlichen Ökosystems im Amazonasgebiet kennen, die Alternativen und Problemlösungen aufzeigen und sich für die Rechte der indigenen Völker einsetzen.

Für ein resilientes Amazonien

Über Ländergrenzen hinweg entwickeln indigene Gemeinschaften im Amazonasgebiet im Projekt „Nachhaltiges Amazonien – Resiliente Gemeinschaften“ (vom BMZ/Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und Caritas Deutschland finanziert) in gemeinsamen Schulungen und Workshops, wie sie mit ihrem Wissen Artenvielfalt erhalten und sich verschiedene Erwerbsquellen erschließen können. Das soll den Verbleib in ihrem Territorium und den Schutz des Regenwaldes sichern. Viktor Ore/Projektkoordinator bei Caritas Peru und Laura Ramirez/Caritas Madre de Dios hoffen, dass die Erfolge, wie wir es am Beispiel der Dorfgemeinschaft Boca Pariamanu erleben, auch die Geldgeber des Projektes überzeugen und es über das geplante Ende 2026 hinaus fortgesetzt wird. Begleitet wird das praxisorientierte Projekt von politischer Lobbyarbeit zu Umwelt- und Landrechten sowie Unterstützung bei Rechteverletzungen.

Empfang im Dorf Boca Pariamanu, Foto: Marianne Jürgens

Angekommen in Boca Pariamanu hört es auf zu regnen, die Sonne bricht durch. 20 Familien mit 52 Erwachsenen und 100 Kindern vom Volk de Amahuaca leben hier auf einem großen Gelände in Hütten, erbaut mit dem Holz aus dem Regenwald und Dächern von geflochtenen Palmblättern. In der Versammlungshalle erwartet uns in der Mitte ein Tisch, gefüllt mit exotischen Pflanzen und Früchten. Die Präsidentin der

Foto: Carolin Kronenburg/Caritas international

Trocknung der Kakaobohnen vor Weiterverkauf, Foto: Marianne Jürgens

Dorfgemeinschaft erklärt uns, wie das Zusammenleben und die Arbeit in der Gemeinschaft organisiert sind. Unterschiedliche Arbeitsgruppen widmen sich dem Anbau und der Ernte, sowie weiteren Erwerbsquellen wie kunsthandwerklichem Schmuck aus Samen und Früchten, die sich im Regenwald finden.  Bei einem Rundgang durch den Wald sehen wir die traditionellen Heilpflanzen, Kakaoplantagen, Maisanbau, Bienenstöcke, agroökologische Mischparzellen und Kastanienproduktion. Der ökologische Anbau von Kakao bietet inzwischen eine echte alternative Einkommensquelle zum Goldschürfen, denn der Kilopreis hat sich in den letzten zwei Jahren mehr als verdreifacht.

Angestrebt wird die überwiegend autarke Versorgung der Familien mit Lebensmitteln, außerdem fließt ein Teil des Verkaufs, zum Beispiel der Kastanien, in die Gemeinschaftskasse.

Jane del Castillo Ramirez, Foto: Carolin Kronenburg/Caritas international

Bevor wir wieder die Rückfahrt mit dem Boot antreten, bewundern wir den Schmuck aus rein organischem Material. Jane del Castillo Ramirez stellt uns das

Kunsthandwerk vor, in dem 15 Frauen des Dorfes seit drei Jahren arbeiten. Gekrönt wurde ihr Erfolg mit dem Gewinn eines Wettbewerbs. Das Preisgeld in Höhe von umgerechnet rund 14.400 Euro investierten die Frauen wieder in Produktionsräume und Aufforstung.

Seit Dezember 2023 haben die indigenen und traditionell lebenden Familien in Boca Pariamanu konsequent das Konzept agroökologischer Mischparzellen umgesetzt und Erwerbsquellen weiter entwickelt. Die sichtbaren Erfolge lassen sie trotz der Bedrohung ihres Lebensraums positiv in die Zukunft blicken.

„Territorium ist Identität“

Präsident Alfredo Vargas Pio, Foto: Marianne Jürgens

Der Verband FENAMAD bündelt die Interessen von 38 indigenen Dorfgemeinschaften im Gebiet Madre de Dios. Präsident Alfredo Vargas Pio vom indigenen Volk der Shipibos bringt die aktuelle Situation in einem Gespräch mit uns am Vorabend auf den Punkt: „Die Verfolgung Indigener hat zugenommen. Der Staat definiert die Konzessionen für Minen und Holzabbau, aber kümmert sich nicht um die Gebietsansprüche der Indigenen.“ Die Regionalregierung verkaufe den Abbau der vielen Bodenschätze und Ölvorkommen im Gebiet Madre de Dios als Fortschritt und fordere von den Indigenen das Abtreten von Land. Auf nationaler Ebene werden die Rechte der Indigenen missachtet, aber auf internationaler Ebene erfahren sie Unterstützung, unter anderem von Deutschland und den Niederlanden. „Wir wollen unser Wissen über Natur, das Erbe der Vorfahren als wichtige Lebensgrundlage für die Menschheit bewahren und weitergeben.“

Kelly Olivo Rengifo (Mitte), Foto: Marianne Jürgens

Kelly Olivo Rengifo vertritt die Interessen junger indigener Studentinnen und Studenten. Sie betont den Stellenwert von Bildung, um die eigenen Rechte vertreten zu können und dankt Kirche und Caritas für deren Unterstützung und die Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln. Von Papst Leo XIV. erhofft sie, dass er das Erbe von Papst Franziskus, der 2018 das Amazonasgebiet besuchte, fortsetze und Druck auf die peruanische Regierung ausübe. „Territorium ist Identität“, sagt sie. „Es gibt eine historische Schuld gegenüber den Indigenen, die beglichen werden muss.“ Sie blickt nach vorne: „Als Jugendorganisation verfolgen wir das Ziel, unternehmerisch erfolgreich zu werden. Dabei wollen wir Traditionen mit neuen Ideen verknüpfen.“ Sie nennt ein Beispiel: „Shampoos werden mit traditionellen Rezepten der Indigenen hergestellt. Bestimmte indigene Muster setzen wir für angesagte Produkte ein.“

Innovatives Wissenschaftsprojekt für Aufforstung und Regeneration zerstörter Gebiete im Amazonas

Am nächsten Tag will ein Teil unserer Gruppe das wissenschaftlich fundierte Aufforstungsprojekt der NGO CINCIA (=Centro de Innovacion Cientifica Amazonica; CINCIA – Centro de Innovación Científica Amazónica) in der ehemaligen illegalen Bergbauzone „La Pampa“ mitten im Regenwald besuchen. Seit die staatliche „Operation Quecksilber“ 2019 illegale Goldminen in „La Pampa“ zerstörte und Goldschürfer vertrieb, wird das Areal durch Militär abgesichert. Trotzdem kommt es hier immer wieder zu Zusammenstößen. Illegale Goldschürfer weichen inzwischen auf Gebiete der Indigenen und Naturschutzflächen im Department Madre de Dios aus. Die von unterschiedlichen Regierungsbehörden mit verschuldeten Nutzungskonflikte führten zu 3596 Klagen gegen illegale Goldschürfer. Aber unter Druck der im Kongress stark vertretenen Interessensgruppen des Bergbaus erließ Perus Präsidentin Dina Boluarte 2024 eine Rechtsverordnung zur Ausweitung der Straffreiheit für die illegalen Unternehmen. Es wurde sogar ein Korridor eingerichtet, in dem Einzelpersonen und kleinen Bergbauunternehmen das illegale Schürfen erlaubt ist.

„Cargueros“, Foto: Christoph Arens/KNA

Wir starten vom Militärstandort „Grau“ nahe der neuen Verbindungsstraße „Interoceanico“, die Peru mit Brasilien verbindet. Eine anderthalbstündige Fahrt auf „Cargueros“, kleinen Geländefahrzeugen, auf deren Ladefläche wir uns stehend immer wieder unter überhängenden Zweigen und Ästen ducken, soll uns zu dem streng bewachten Wiederaufforstungsgelände Alfa Balata bringen. Begleitet werden wir von jungen Soldaten als Personenschutz, die sich vermummen und mit Waffen ausrüsten.

Unsere Personenschützer, Foto: Marianne Jürgens

Nach kurzer Strecke durch intakten Regenwald erreichen wir nach Überqueren einer schmalen Brücke mit losen Holzlatten das erste abgeholzte Gelände, – eine Sandwüste, die der illegale Bergbau hinterlassen hat.  Am Rande der Piste beobachten uns junge Männer auf Geländemotorrädern. Schließlich stoppt unser Konvoi in einem Waldstück. Es habe eine Schießerei wenige Hundert Meter entfernt zwischen Polizei und illegalen Minenarbeitern mit einem Verletzten gegeben, heißt es. Der Militärkommandant fürchtet die Rache der Bergbauarbeiter und im schlimmsten Fall eine Entführung von uns Deutschen. Da er nicht für unsere Sicherheit garantieren könne, müssen wir umkehren. Zurück in der Militärbasis spekulieren wir, was wirklich passiert ist, die Wahrheit können wir nicht ergründen.

Foto: Christoph Arens/KNA

Foto: Christoph Arens/KNA

 

So werden wir leider nicht, wie ursprünglich geplant, selbst einen Baum im Regenwald pflanzen und uns ein eigenes Bild von den Erfolgen des Aufforstungsprojektes machen können.

Das Wissenschaftsprojekt von CINCIA wird getragen von einer breiten Basis von Unterstützern, darunter US Aid und Wake Forest University, und von der guten Kooperation mit dem Militär vor Ort. Für das 30-köpfige Expertenteam ist es existenziell wichtig, unermüdlich Öffentlichkeit dafür zu schaffen, was sie dort eigentlich tun und welche Erfolge sie erzielen.

Cesar Ascorra/Projekt CINCIA links, Foto: CINCIA

Cesar Ascorra, CINCIA-Nationaldirektor für Peru, erklärt uns das Vorgehen: Im ersten Schritt dokumentierte das Wissenschaftsprojekt mit Hilfe von Drohnenaufnahmen und Laboruntersuchungen die Folgen des illegalen Bergbaus im Gebiet „La Pampa“, die Größe des Brachlandes mit der Vernichtung der Artenvielfalt und die Quecksilber-Verseuchung von Wasser, Land und Tieren. Im Anschluss wurden möglichst resistente Setzlinge, Substrate und organische Dünger für die Pflanzung produziert und in die Erde gebracht. Rund 70.000 Setzlinge wurden bereits gepflanzt. „Das dritte Modul beinhaltet die Beobachtung, wie sich Flora und Fauna entwickeln.“ Vorher-Nachher-Aufnahmen zeigen beeindruckende Fortschritte des Projektes. Inzwischen beteiligen sich auch Soldaten der Militärbasis, die das Gebiet absichert, an der Bepflanzung. 174 Militärangehörige wurden 2024 in Aufforstungstechniken an der National Amazon University of Madre de Dios geschult.

Aufforstung im Regenwald, Foto: CINCIA

 

Modellhaft zeigt dieses wichtige, wegweisende Projekt, wie eine Aufforstung mit resistenten Pflanzen und eine Renaturierung gelingen kann, und welche Rahmenbedingungen notwendig sind, um die Ergebnisse auf das gesamte Amazonasgebiet übertragen zu können.

„Sauberes Gold“

Sauberes Gold, Foto: Marianne Jürgens

Gegenüber des Militärstandortes „Grau“ demonstriert uns die handwerkliche Produktionsgemeinschaft AMATAF (Association de Mineros Artesanales Tauro Fatima), wie sich Gold ohne Quecksilber gewinnen lässt. Eine Rüttelmaschine filtert unter Zugabe von Wasser aus dem geförderten Schlamm feinen Goldstaub heraus, der anschließend für den Weiterverkauf zu kleinen Goldklumpen geschmolzen wird. Im Oktober 2023 wurde das Pilotprojekt für seine erste fair produzierende Goldlieferkette in der Region zertifiziert. Herausforderungen sind allerdings die Vermarktung des „sauberen“ Goldes und Gewinnung verantwortungsbewusster Käufer. In der Region Madre de Dios sind rund 50.000 Menschen direkt vom Kleinbergbau abhängig, schätzt Caritas international. Zukunftsvision ist es, viele weitere Bergleute für die umweltbewusstere Goldschürfung zu gewinnen. Die Projektverantwortlichen sind sich einig: Das kann nur gelingen, wenn alle zusammenarbeiten, die Goldschürfer, die Regierung, die Juweliere und die Konsumenten.

„Schmutziges Gold“ – Was tun?

Peru ist der bei weitem größte Goldexporteur Lateinamerikas, bei rund 50% lässt sich der Ursprung des Goldes nicht nachweisen, so eine Studie investigativer Journalist*innen (www.convoca.pe). Gerade im Gebiet Madre de Dios breiten sich die illegalen Minen, verantwortlich für Abholzung und Verseuchung der Umwelt mit Quecksilber, immer weiter aus. Ursachen sind der wachsende „globale Goldhunger“ und der steigende Goldpreis. Auch die Fertigstellung der Verbindungsstraße „Interoceanica“ zwischen Peru und Brasilien erleichtert den illegalen Transport aus den vorher nur schwer zugänglichen Gebieten.Staatliche Verbote zeigen wenig Wirkung und werden nicht mit genügend Nachdruck durchgesetzt. Hier steht die in Peru weit verbreitete Korruption im Wege, und eine Regierung und Präsidentin, denen nachgesagt wird, ebenfalls tief darin verstrickt zu sein.

Auf der Interoceanica entlang der illegalen Goldminen, Foto: Carolin Kronenburg/Caritas international

Ein 18-köpfiges Journalistenteam des grenzüberschreitenden Investigativnetzwerkes OjoPublico hat aufgedeckt, dass in einem Jahrzehnt mehr als 3000 Tonnen hochreines Gold aus illegalem Bergbau exportiert wurde und vor allem Unternehmen aus Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten beteiligt sind. Sie recherchierten die komplexen Wege, „schmutziges“ Gold reinzuwaschen, die eine Rückverfolgung der Lieferketten kaum mehr möglich macht und illegales Gold in die legale Wirtschaft überführt.

Auch wenn Gold nach wie vor als sichere Wertanlage geschätzt wird, „ein ethisch unbedenkliches Investment in Gold gibt es nicht“, vertritt die „Kampagne Bergbau Peru (www.kampagne-bergbau-peru.de). Wer nicht auf Gold verzichten wolle, müsse zumindest auf eine glaubwürdige Zertifizierung von Gold achten oder bei der Herstellung von Schmuck auf Recycling zurückgreifen, so der Appell der NGO.

Problemlösungen für die Umweltkatastrophe im Amazonasgebiet können nur gemeinsam auf internationaler Ebene vorangetrieben werden, schließlich ist die Weltgemeinschaft an den Ursachen durch wirtschaftliche Interessen („Rohstoffhunger“) unmittelbar beteiligt. Auch die Auswirkungen des Klimawandels machen nicht an Ländergrenzen halt.

Caritas engagiert sich weltweit mit vielen praktischen Projekten an der Bewältigung der Klimakrise. In Peru konnten wir auf unserer Pressereise unmittelbar vor Ort erfahren, wie sehr konkrete Maßnahmen das Leben der Menschen dort verbessern.

Jede Unterstützung für die humanitäre Hilfe und das Engagement für innovative Klimaschutzprojekte der Caritas in Peru ist willkommen.

Spendenkonto: Caritas Deutschland/Caritas international, SozialBank,
IBAN: DE88 6602 0500 0202 0202 02, Verwendungszweck: Peru CY00107

60 Jahre Casa Italia: Gelebte Vielfalt, gewachsene Identität

„Noch immer in den Kinderschuhen“ – und doch unverzichtbarer Bestandteil einer diversen Stadtgesellschaft:

Die bilinguale Kindertagesstätte Casa Italia feiert ihr 60-jähriges Bestehen – ein Jubiläum, das weit mehr ist als nur ein Blick zurück. Es ist ein Anlass, eine Institution zu würdigen, die seit sechs Jahrzehnten Brücken baut: zwischen Sprachen, zwischen Kulturen, zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Über 2000 Kinder haben in der Casa Italia ihre ersten Schritte in eine Gesellschaft gemacht, die selbst im Wandel war – und es bis heute ist. Was 1965 als Unterstützung für Kinder italienischer Gastarbeiter*innen begann, ist heute ein lebendiges Modell für pädagogische Konzepte im Zeichen der postmigrantischen Gesellschaft. Denn Casa Italia hat sich nicht nur weiterentwickelt – sie ist ihrer Grundhaltung treu geblieben: Vielfalt ist kein Defizit, sondern ein Versprechen.

Gegründet vom Caritasverband Köln und getragen vom St. Elisabeth-Jugendheim e.V., reagierte die Einrichtung früh auf die sozialen Herausforderungen von Migration, Arbeitsmigration und Wohnraummangel. Die Entscheidung, 1980 auf ein bilinguales Konzept umzustellen, war mehr als eine didaktische Strategie – sie war ein Bekenntnis zur Anerkennung von Herkunft, Sprache und kultureller Prägung.

Diese Haltung – damals innovativ, heute hochaktuell – entspricht in vielerlei Hinsicht den Grundgedanken postmigrantischer Theorien, wie sie etwa von Naika Foroutan oder Mark Terkessidis formuliert wurden. In der Casa Italia wird täglich erfahrbar, dass gesellschaftliche Teilhabe nicht erst mit der „Anpassung“ beginnt, sondern mit Anerkennung. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch: Kinder lernen hier, sich in mehreren kulturellen und sprachlichen Räumen gleichzeitig zu bewegen – ohne ihre Identität aufgeben zu müssen.

Sprache als soziale Praxis – nicht als Hürde

Die Einrichtung folgt dem Prinzip „Eine Sprache – eine Person“, das wissenschaftlich belegt wurde, unter anderem in einer Evaluation der Universität zu Köln. Dieses Modell erlaubt es Kindern, beide Sprachen – Deutsch und Italienisch – auf natürliche Weise im Alltag zu erleben, ohne sie gegeneinander ausspielen zu müssen. Der authentische Sprachkontakt ist dabei nicht Selbstzweck, sondern Mittel zur Förderung von Selbstbewusstsein, Zugehörigkeit und Ausdrucksfähigkeit. Sprache wird nicht als Barriere verstanden, sondern als Medium der Weltaneignung.

Eine deutsch-italienische Brücke in einer pluralen Gesellschaft

Trotz der Öffnung gegenüber Kindern aus vielen Nationen ist die Casa Italia bis heute ein Ort geblieben, an dem die deutsch-italienische Kulturbeziehung bewusst gepflegt wird. Hier lebt die Erinnerung an eine erste große Einwanderungsgeschichte in der Bundesrepublik, an die Lebensrealitäten der sogenannten „Gastarbeitergeneration“ – nicht als museale Folklore, sondern als gelebtes Kulturerbe. Feste, Rituale, Literatur, Musik und das tägliche Miteinander tragen dazu bei, dass diese Brücke nicht nur erhalten bleibt, sondern immer wieder neu begangen wird – auch von Kindern, die selbst keine italienische Herkunft haben.

Gerade diese bewusste Balance zwischen Kontinuität und Öffnung macht die Casa Italia so besonders: Sie ist sowohl Lernort als auch Erinnerungsort, sowohl Kulturvermittlerin als auch Bildungsakteurin im Heute. In einer Stadt wie Köln – seit jeher geprägt durch Migration, Urbanität und Diversität – zeigt sich hier beispielhaft, wie pädagogische Institutionen gesellschaftlichen Wandel mitgestalten können, ohne dabei ihre Identität zu verlieren.

Vielfalt ist Alltag – und Haltung

Heute ist die Kita ein Raum gelebter Inklusion: Kinder mit und ohne Migrationsgeschichte, mit und ohne Behinderung, unterschiedlicher Religionen und familiärer Hintergründe lernen und wachsen hier gemeinsam auf. Diese Vielfalt ist kein Zusatzprogramm, sondern Grundprinzip. Die Arbeit der Casa Italia basiert auf der Überzeugung, dass eine solidarische Gesellschaft dort beginnt, wo jedes Kind so angenommen wird, wie es ist – mit all seinen Sprachen, Geschichten und Perspektiven.

Wenn wir auf sechs Jahrzehnte Casa Italia zurückblicken, dann sehen wir nicht nur die Entwicklung einer Einrichtung, sondern ein Stück gelebter Stadtgeschichte. Wir sehen, wie Bildungsorte zur sozialen Infrastruktur werden, wie pädagogische Praxis gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht – und wie aus einem Kita-Konzept ein Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit wird.

In einer Zeit, in der sprachliche und kulturelle Vielfalt politisch wieder vermehrt infrage gestellt wird, setzt die Casa Italia ein Zeichen: für Offenheit, für Respekt – und für die tiefe Überzeugung, dass Sprache nicht trennt, sondern verbindet.

 

Autoren: Maria Lamaina und Guido Geiss