65 Jahre Teilhabe im Wandel: Die Entwicklung der Caritas Wertarbeit

Was 1961 mit sieben jungen Menschen in einer kleinen Kölner Werkstatt begann, ist heute ein moderner Werkstattverbund mit vielfältigen Arbeits- und Förderangeboten für knapp 1000 Beschäftigte. Die Geschichte der Caritas Wertarbeit ist eine Geschichte von Wachstum, gesellschaftlichem Wandel und dem stetigen Einsatz für mehr Teilhabe. Über sechs Jahrzehnte hinweg wurden neue Standorte geschaffen, Arbeitsfelder erweitert und immer wieder Antworten auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung und psychischer Erkrankung gefunden.
Eine Chronologie von Eugen Müller-Handler, Leiter der Werkstätten von 1971-2007 und Jochen Günther, Referent Teihabemanagement

 

Die Geschichte der Caritas Wertarbeit, 

ehemals Caritas Werkstätten Köln

Die Anfänge: Zwei Wurzeln einer gemeinsamen Geschichte

Bereits 1961 wird in Trägerschaft des Sozialdienstes Katholischer Männer e.V. Köln in den Räumen der „Offenen Tür St. Mauritius“ in der Großen Telegraphenstrasse die erste „Beschützende Werkstatt“ für sieben behinderte Jugendliche in Köln gegründet. Dies ist der Ursprung der „Caritas Werkstätten Köln“.

Gleichzeitig betreibt das Kinderheim „Maria Hilf“ in Trägerschaft der „Schwestern vom armen Kinde Jesu“ in Köln-Kalk ein Hilfsschulheim mit Heimschule für Mädchen mit Behinderung. Dies sind die Wurzeln der heutigen Betriebsstätte „Clara-Fey-Haus“.

Im Oktober 1963 mietet der SKM Räume in einer alten Mädchenschule in der Gereonstrasse an, wo die „Beschützende Werkstatt“ in eigenen Räumen kontinuierliche Arbeit für behinderte Jugendliche leisten kann. Diese Werkstatt wird stetig erweitert bis auf 35 Plätze. Die Heimschule in Köln-Kalk heißt nun „Clara-Fey-Bildungsstätte“ und dort werden im September 1964 bereits 40 behinderte Mädchen in vier Klassen unterrichtet und betreut.

Gut Frohnhof: Der Aufbau einer modernen Werkstatt

Im Juli 1971 errichtet der Caritasverband für die Stadt Köln e.V. auf dem Gelände des ehemaligen städtischen „Gut Frohnhof“ in Köln-Ossendorf eine Werkstatt für behinderte Menschen. In die Räume des ersten Bauabschnitts ziehen die 35 behinderten Jugendlichen und Erwachsenen sowie sieben Mitarbeiter der „Beschützenden Werkstatt“ des Sozialdienstes Katholischer Männer e.V. Köln ein. 1973 wird der zweite Bauabschnitt der WfB „Gut Frohnhof“ fertig und es stehen nun 160 Werkstattplätze zur Verfügung.

 

Aus Bildung wird Arbeit: Das Clara-Fey-Haus entsteht

Laut Kultusministerbeschluss von 1971 ist den Sonderschulen für Geistigbehinderte die Werkstufe angegliedert worden. So hat die „Clara-Fey-Bildungsstätte“ wie viele andere Tagesstätten keinen klaren rechtlichen Auftrag mehr. Auf Drängen der Kostenträger finden im Mai 1974 erste Gespräche über eine Kooperation mit der WfB „Gut

Frohnhof“ beim Landschaftsverband Rheinland statt. Es vergehen über sieben Jahre. Erst im Januar 1982 wird die „Clara-Fey-Bildungsstätte“ vom Caritasverband für die Stadt Köln e.V. als Zweigwerkstatt der WfB „Gut Frohnhof“ übernommen. Die Zweigwerkstatt heißt nun „Clara-Fey-Haus“ und wird vom „Gut Frohnhof“ mit Arbeit versorgt. Aus der Bildungsstätte wird eine Werkstatt.

Wachstum und neue Perspektiven

Wegen des stetig wachsenden Bedarfs an Werkstattplätzen für Menschen mit Behinderung wird auf dem Gelände von „Gut Frohnhof“ ein Erweiterungsbau mit 90 Plätzen erstellt und kann im Oktober 1983 bezogen werden. Auch ein Werkstattladen mit angegliederter Näherei wird im April 1986 am „Gut Frohnhof“ eröffnet.

Die Räumlichkeiten in Köln-Kalk sind für einen ordentlichen Werkstattberieb nicht geeignet. In Absprache mit den Kostenträgern wird ein Neubau mit 170 Plätzen auf dem Gelände in Köln-Kalk geplant. Baubeginn ist im Januar 1989 und Einweihung und Bezug der neuen Zweigwerkstatt „Clara-Fey-Haus“ erfolgt im Januar 1991. Es stehen nun in Ossendorf und in Kalk insgesamt 430 Arbeits- und Betreuungsplätze für Menschen mit Behinderung zur Verfügung.

 

Erweiterung des Angebots: CariTec und besondere Betreuung

Auch Menschen mit psychischer Erkrankung oder Behinderung suchen Werkstattplätze. Die Kostenträger fordern eine strikte Trennung zu Menschen mit geistiger Behinderung. So werden im Oktober 1994 die beiden oberen Etagen im Altbau in der Bertramstrasse in Köln-Kalk mit Eigenmitteln zu einer Zweigwerkstatt für psychisch behinderte Menschen umgebaut. Diese Zweigwerkstatt mit 32 Plätzen erhält den Namen „CariTec“ und wird im April 1995 von den Kostenträgern offiziell als Werkstatt für Behinderte anerkannt. Im September 1995 werden die WfB „Gut Frohnhof“ mit den Zweigwerkstätten „Clara-Fey-Haus“ und „CariTec“ umbenannt in „Caritas Werkstätten Köln“.

Sowohl im „Gut Frohnhof“ als auch im „Clara-Fey-Haus“ werden ab 1990 Intensivfördergruppen für Menschen mit schweren Behinderungen und Verhaltensauffälligkeiten bedarfsgerecht eingerichtet. Sie heißen Arbeitsgruppen mit besonderer Betreuung (AmbB).

 

Mehr Vielfalt in der Arbeitswelt

Im November 1996 bekommen die „Caritas Werkstätten Köln“ die Möglichkeit, auf dem Gelände der ehemaligen Krankenhausgärtnerei des Elisabeth-Krankenhauses in Köln-Hohenlind eine Gartenbaugruppe einzurichten. Dies ist eine langersehnte Ergänzung des Arbeitsangebotes für die behinderten Beschäftigten, die gerne im Freien an der frischen Luft arbeiten wollen.

Qualität als Erfolgsfaktor

Von den Ford Werken, dem größten Auftraggeber der „Caritas Werkstätten Köln“, wird für eine weitere Zusammenarbeit ein zertifiziertes Qualitätsmanagement verlangt. So startet im Januar 1999 ein Qualitätsmanagement-Projekt mit dem Ziel der Zertifizierung aller Arbeits- und Betreuungsbereiche der „Caritas Werkstätten Köln“ nach DIN EN ISO 9001. Die erfolgreiche Zertifizierung der gesamten „Caritas Werkstätten Köln“ erfolgt im Dezember 2000 durch die DQS Deutsche Gesellschaft zur Zertifizierung von Managementsystemen GmbH.

 

Neue Angebote und ein weiterer Standort

Für Beschäftigte mit besonderem Betreuungsbedarf aufgrund von Alterserscheinungen, geringer Arbeitsfähigkeit und Verhaltensauffälligkeiten müssen angemessene Angebote zur Verfügung gestellt werden. So werden im Januar 2003 im „Gut Frohnhof“ bestehende Gruppenräume entsprechend umstrukturiert und ausgestattet. Die Arbeitsgruppen mit besonderer Betreuung fungieren als Bindeglied zwischen Arbeitsgruppen und Fördergruppen.
Der Platzbedarf an Werkstattplätzen wächst in Köln derart, dass die Kostenträger die „Caritas Werkstätten Köln“ zum Bau einer weiteren Zweigwerkstatt auffordern. Nach langer Suche eines geeigneten Grundstücks kann im Juni 2003 die Grundsteinlegung für die vierte Betriebsstätte der „Caritas Werkstätten Köln“ im Gewerbegebiet in Ossendorf in der Heinrich-Rohlmnn-Straße stattfinden.

Druckerei CariPrint, Foto: Harald Oppitz

Hier werden 90 Plätze für den Bereich Druckerei und Lettershop für Beschäftigte mit geistiger Behinderung und 65 Plätze für Beschäftigte mit einer psychischen Erkrankung geschaffen. Im Januar 2005 ziehen die Druckerei aus „Gut Frohnhof“ und der Lettershop aus dem „Clara-Fey-Haus“ in die Heinrich-Rohlmann-Strasse, die nun „CariPrint“ genannt wird. In den Bauabschnitt für die psychisch Erkrankten zieht die „CariTec“. In den frei gewordenen Räumen im „Gut Frohnhof“ und im „Clara-Fey-Haus“ werden Arbeitsgruppen mit besonderer Betreuung eingerichtet.

 

Vom Pionierprojekt zum Werkstattverbund

Herr Müller-Handler kann aus eigener Erfahrung bis hierher berichten.
Als er 1971 im „Gut Frohnhof“ begann, waren es 35 Beschäftigte und sieben angestellte Mitarbeitende. Zu seiner Verabschiedung im März 2007 hatten die „Caritas Werkstätten Köln“ an vier Standorten in Köln 580 Beschäftigte und 130 angestellte Mitarbeitende.

 

Auch in den folgenden Jahren wurden die Standorte kontinuierlich weiterentwickelt. Im Juni 2012 wurden die Ford-Gruppen an den neuen Standort in der Richard-Byrd-Straße verlagert. Im November desselben Jahres erfolgte die Zusammenführung aller Nähgruppen sowie der Weberei am Standort Gut Frohnhof.

2015 wechselten die verbliebenen Industrieservicegruppen aus dem Nordtrakt des Gut Frohnhof an den Standort Heinrich-Rohlmann-Straße. Anfang 2016 wurde der Bereich der Arbeitsgruppen mit besonderer Betreuung um drei produktionsnahe Gruppen erweitert.

Im November 2017 wurde die Außenarbeitsgruppe Dillenburger geschlossen und in den Gut Frohnhof integriert. Zwei Jahre später entstand dort außerdem eine Kleinstgruppe für Menschen mit besonders hohem Unterstützungsbedarf.

Caritas Wertarbeit heute

Heute steht die Caritas Wertarbeit für vielfältige Arbeits- und Förderangebote, individuelle Unterstützung und kontinuierliche Weiterentwicklung für knapp 1000 Beschäftigte. Was 1961 mit sieben Beschäftigten begann, hat sich zu einem modernen Werkstattverbund entwickelt, der Menschen mit Behinderung und psychischer Erkrankung vielfältige Möglichkeiten zur beruflichen Teilhabe eröffnet.

Weitere Infos zum heutigen Angebot der Caritas Wertarbeit:

60 Jahre Casa Italia: Gelebte Vielfalt, gewachsene Identität

„Noch immer in den Kinderschuhen“ – und doch unverzichtbarer Bestandteil einer diversen Stadtgesellschaft:

Die bilinguale Kindertagesstätte Casa Italia feiert ihr 60-jähriges Bestehen – ein Jubiläum, das weit mehr ist als nur ein Blick zurück. Es ist ein Anlass, eine Institution zu würdigen, die seit sechs Jahrzehnten Brücken baut: zwischen Sprachen, zwischen Kulturen, zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Über 2000 Kinder haben in der Casa Italia ihre ersten Schritte in eine Gesellschaft gemacht, die selbst im Wandel war – und es bis heute ist. Was 1965 als Unterstützung für Kinder italienischer Gastarbeiter*innen begann, ist heute ein lebendiges Modell für pädagogische Konzepte im Zeichen der postmigrantischen Gesellschaft. Denn Casa Italia hat sich nicht nur weiterentwickelt – sie ist ihrer Grundhaltung treu geblieben: Vielfalt ist kein Defizit, sondern ein Versprechen.

Gegründet vom Caritasverband Köln und getragen vom St. Elisabeth-Jugendheim e.V., reagierte die Einrichtung früh auf die sozialen Herausforderungen von Migration, Arbeitsmigration und Wohnraummangel. Die Entscheidung, 1980 auf ein bilinguales Konzept umzustellen, war mehr als eine didaktische Strategie – sie war ein Bekenntnis zur Anerkennung von Herkunft, Sprache und kultureller Prägung.

Diese Haltung – damals innovativ, heute hochaktuell – entspricht in vielerlei Hinsicht den Grundgedanken postmigrantischer Theorien, wie sie etwa von Naika Foroutan oder Mark Terkessidis formuliert wurden. In der Casa Italia wird täglich erfahrbar, dass gesellschaftliche Teilhabe nicht erst mit der „Anpassung“ beginnt, sondern mit Anerkennung. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch: Kinder lernen hier, sich in mehreren kulturellen und sprachlichen Räumen gleichzeitig zu bewegen – ohne ihre Identität aufgeben zu müssen.

Sprache als soziale Praxis – nicht als Hürde

Die Einrichtung folgt dem Prinzip „Eine Sprache – eine Person“, das wissenschaftlich belegt wurde, unter anderem in einer Evaluation der Universität zu Köln. Dieses Modell erlaubt es Kindern, beide Sprachen – Deutsch und Italienisch – auf natürliche Weise im Alltag zu erleben, ohne sie gegeneinander ausspielen zu müssen. Der authentische Sprachkontakt ist dabei nicht Selbstzweck, sondern Mittel zur Förderung von Selbstbewusstsein, Zugehörigkeit und Ausdrucksfähigkeit. Sprache wird nicht als Barriere verstanden, sondern als Medium der Weltaneignung.

Eine deutsch-italienische Brücke in einer pluralen Gesellschaft

Trotz der Öffnung gegenüber Kindern aus vielen Nationen ist die Casa Italia bis heute ein Ort geblieben, an dem die deutsch-italienische Kulturbeziehung bewusst gepflegt wird. Hier lebt die Erinnerung an eine erste große Einwanderungsgeschichte in der Bundesrepublik, an die Lebensrealitäten der sogenannten „Gastarbeitergeneration“ – nicht als museale Folklore, sondern als gelebtes Kulturerbe. Feste, Rituale, Literatur, Musik und das tägliche Miteinander tragen dazu bei, dass diese Brücke nicht nur erhalten bleibt, sondern immer wieder neu begangen wird – auch von Kindern, die selbst keine italienische Herkunft haben.

Gerade diese bewusste Balance zwischen Kontinuität und Öffnung macht die Casa Italia so besonders: Sie ist sowohl Lernort als auch Erinnerungsort, sowohl Kulturvermittlerin als auch Bildungsakteurin im Heute. In einer Stadt wie Köln – seit jeher geprägt durch Migration, Urbanität und Diversität – zeigt sich hier beispielhaft, wie pädagogische Institutionen gesellschaftlichen Wandel mitgestalten können, ohne dabei ihre Identität zu verlieren.

Vielfalt ist Alltag – und Haltung

Heute ist die Kita ein Raum gelebter Inklusion: Kinder mit und ohne Migrationsgeschichte, mit und ohne Behinderung, unterschiedlicher Religionen und familiärer Hintergründe lernen und wachsen hier gemeinsam auf. Diese Vielfalt ist kein Zusatzprogramm, sondern Grundprinzip. Die Arbeit der Casa Italia basiert auf der Überzeugung, dass eine solidarische Gesellschaft dort beginnt, wo jedes Kind so angenommen wird, wie es ist – mit all seinen Sprachen, Geschichten und Perspektiven.

Wenn wir auf sechs Jahrzehnte Casa Italia zurückblicken, dann sehen wir nicht nur die Entwicklung einer Einrichtung, sondern ein Stück gelebter Stadtgeschichte. Wir sehen, wie Bildungsorte zur sozialen Infrastruktur werden, wie pädagogische Praxis gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht – und wie aus einem Kita-Konzept ein Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit wird.

In einer Zeit, in der sprachliche und kulturelle Vielfalt politisch wieder vermehrt infrage gestellt wird, setzt die Casa Italia ein Zeichen: für Offenheit, für Respekt – und für die tiefe Überzeugung, dass Sprache nicht trennt, sondern verbindet.

 

Autoren: Maria Lamaina und Guido Geiss

 

 

Brücken bauen und Vielfalt leben: Meine Arbeit mit Menschen im Spektrum

Anlässlich des Welt-Autismus-Tages am 2. April hat Iwona Winterscheid aus dem Team des CariPrint-Lettershops aufgeschrieben, wie die Arbeit mit Menschen im Spektrum ihr Leben verändert. Bei CariPrint gibt es eine spezialisierte Arbeitsgruppe für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Diese Gruppe bietet Personen einen reizarmen Arbeitsplatz mit speziellen Anpassungen wie Schallschutzdecken und dimmbarem Licht.

Die Arbeit mit Menschen mit ASS ist mehr als nur ein Beruf – Sie ist eine bereichernde Leidenschaft

Wenn ich über meine Arbeit mit „Autisten“ spreche, höre ich oft immer wieder das Gleiche: „Die sind doch alle empathielos und haben keine Gefühle! Und die mögen keine Berührungen und können nicht gut kommunizieren. Außerdem brauchen die alle strikte Struktur, Wiederholung und Ordnung! Aber sind gleichzeitig so schlau, weil die doch alle diese Inselbegabungen haben!“ Doch im Umgang mit Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung (auch ASS oder „im Spektrum“ genannt) wurde mir sehr schnell klar: „Kennst du einen Autisten, kennst du EINEN Autisten!“

Jeder Mensch im Spektrum ist so vielfältig individuell wie jeder andere. Denn JEDER hat seine Art zu kommunizieren, hat seine Hobbies und Vorlieben, nicht nur Menschen im Spektrum. Um meine Arbeit zu verdeutlichen, habe ich mir eine Metapher zurechtgelegt:

„Menschen im Spektrum sind für mich wie ein unbekanntes Land, in das ich reise, ohne irgendwelche Kenntnisse von den dort vorherrschenden Gepflogenheiten, Regeln oder sogar der Sprache.“

Arbeit mit Menschen im Spektrum: Brücken bauen und Barrieren überwinden

Somit bin ich nicht nur „einfach Betreuerin“. Ich bin Reisende, Forscherin, Architektin, Dolmetscherin, Vertraute. Ich erforsche dieses „Land“, baue Brücken, er

lerne die „Sprache“ und unterstütze in der Kommunikation. Ich schaffe eine sichere Umgebung, um Barrieren zu überwinden für ein harmonisches Miteinander. Dabei habe ich gelernt, dass bei Menschen im Spektrum durchaus ein immenses Feingefühl für die Stimmung des Gegenübers und der Gruppe besteht und ein vielfältiges Gefühlsspektrum vorhanden ist. Dass Kontakte immens wichtig sind und die Kommunikation oft einfach nur „anders“ ist. Auch Menschen im Spektrum können flexibel sein, wenn sie ihre festen „Ankerpunkte“ haben. Mal ehrlich: Brauchen wir die nicht alle?

Durch diese „Reisen“ wurde mein eigenes Leben sehr bereichert. Denn sie zeigen mir, dass es oft nicht viele Worte braucht, um verstanden zu werden. Selbst die kleinste Veränderung in einer Routine kann alles bedeuten und man kann mit den einfachsten Mitteln Dankbarkeit zeigen. Ich bekomme eine absolut ehrliche Art der Wertschätzung. Außerdem habe ich gelernt, mich auch für kleinste Kleinigkeiten zu begeistern. Das Auswendigkönnen des Kölner Straßenbahnnetzes inklusive Abfahrtzeiten scheint zunächst sinnlos – doch wenn man, wie ich, auf diese angewiesen ist, freut man sich bei Unregelmäßigkeiten, jemanden in der Nähe zu wissen, der alternative Routen sofort aus dem Repertoire holen kann. Somit hat diese „Unsinnigkeit“ für mich und Andere plötzlich sehr viel Sinn.

Von der Norm lösen

Und Alternative ist hier das Stichwort: Ich habe alternative Wege zum Ziel in allen Bereichen kennengelernt und entdecke täglich mehr! Nur weil gesellschaftlich oft ein bestimmter Weg „die Norm“ ist, bedeutet es nicht, dass nicht auch andere Wege „nach Rom führen“. Denn am Ende zählt das Ergebnis. Somit kann ein Tagesplan dann auch mal aussehen wie ein Busplan.

Auch bei den Worten „Norm“ und „Ergebnis“ fallen mir sofort Erkenntnisse ein, die ich in meiner Arbeit mit den Menschen im Spektrum erlangt habe. Nur weil es die „Norm“ ist, ist es gleichzeitig auch gut? Nur weil ein Ergebnis vorgeschrieben ist, macht es MICH glücklich und ist deswegen erstrebenswert? Die Arbeit mit Menschen im Spektrum hat meinen Horizont auf viele Arten und Weisen erweitert. Ich gehe mit offeneren Augen durch die Welt, bin toleranter gegenüber „alternativen Lebenswelten“ und sehe Wege und Möglichkeiten, die mir früher verschlossen waren. All das durch meinen jahrelangen Umgang mit dieser „Behinderung“. Und dafür bin ich unendlich dankbar!

Erasmus-Projektgruppe zu Gast in Köln

Drei Tage lang war die internationale Gruppe des Europäischen Ehrenamts-Projekt „Gemeinsam engagiert“ in Köln zu Besuch, um sich intensiv mit der Frage zu beschäftigen: Wie können wir Menschen, die unter besonderen Belastungen stehen, für gesellschaftliches Engagement gewinnen? Denn: Engagement fördert Teilhabe – und wenn sich Vielfalt im Ehrenamt abbildet, bereichert das unsere Gesellschaft.

Unsere Caritas Köln Kolleginnen Simone Streif und Anna Breuer-Wirges organisierten ein tolles Programm für die Teilnehmenden von Caritas Österreich, SKM, Caritas im Erzbistum Köln, KVW Bildung und EMJA Ostbelgien.

 

Tag 1 unseres Erasmus-Projekts: Engagement & Teilhabe für alle! 

Zu den Menschen, die wir gezielt ansprechen möchten, gehören z. B. Geflüchtete, Menschen mit Suchterfahrungen, psychischen oder körperlichen Einschränkungen. Doch wie schaffen wir Zugangshürden ab? Welche Rahmenbedingungen braucht es?

Inspiration fanden wir im Efa-Projekt des SKM, das Ehrenamt gezielt für belastete Menschen öffnet.  Anschließend besuchten wir das DeFlo in Nippes, ein Projekt für Menschen mit Brüchen und Suchterkrankung. Unter einem Dach befinden sich betreutes Wohnen, Beschäftigung in einer Schreinerei und als Angebot für das gesamte Veedl ein Café, ein Möbelhaus und ein Second-Hand-Shop. Ohne Ehrenamt wäre das nicht möglich!

Ein spannender, erkenntnisreicher Tag, der uns gezeigt hat: Engagement ist eine Brücke zur gesellschaftlichen Teilhabe!

Was es dafür braucht, ist eine ausreichende Finanzierung, um eine gute Begleitung der Ehrenamtlichen zu ermöglichen!

 

 Tag 2: Wie inklusiv ist unser Engagement? 

Heute haben wir den Blick nach innen gerichtet: Wie sehr öffnen wir als Organisationen unser Ehrenamt für Menschen mit besonderen Belastungen? Gemeinsam haben wir analysiert, diskutiert und Ideen entwickelt, um noch mehr Zugänge zu schaffen.

Besonders spannend war unser Besuch im sozialpsychiatrischen Zentrum der Caritas Köln, wo wir mit Ehrenamtlichen ins Gespräch kamen, die selbst psychische Herausforderungen meistern. Ihre Geschichten haben uns tief beeindruckt: Wenn das Ehrenamt zu ihnen passt, sind sie oft über Jahre mit Herz und Zuverlässigkeit dabei.

Sie sprachen alle davon,

– wie sehr das Engagement sie bereichert und

– wie wichtig es für sie ist, mit „normalen“ Menschen gemeinsam ehrenamtlich im Hühnerstall des SPZ, beim wöchentlichen Müllsammeln oder der Pflege des Bücherschranks in der Südstadt zusammen zu kommen.

 

 

 

 

 

 

Zum krönenden Abschluss gab es eine Stadtführung und ein gemütliches Beisammensein im Brauhaus. Denn zum vollen Köln-Erlebnis gehören natürlich auch Brauchtum & Kulinarik!

Wir nehmen aus diesen Tagen wertvolle Erkenntnisse mit: Ehrenamt braucht Offenheit – und Offenheit schafft neue Möglichkeiten!

Tag 3: Wie geht’s weiter?

Heute haben wir unseren Blick in die Zukunft gerichtet: Was machen wir aus den gesammelten Erfahrungen und Ideen zu inklusivem Engagement?

Ein zentrales Ziel unseres Erasmus-Projekts ist es, Eckpunkte für inklusives Engagement zu erarbeiten. Gemeinsam mit unseren Kolleg*innen vom DiCV und SKM werden wir die Ergebnisse des Workshops zunächst unseren Kooperationspartner*innen aus dem Austausch vorstellen und sie dann in unseren Einrichtungen mit Leben füllen.

Als perfekte Überleitung zum nächsten Themenschwerpunkt „Nachbarschaftshilfe“, den wir im Juni in Graz vertiefen werden, haben wir die Kölsch Hätz Nachbarschaftshilfen vorgestellt. Sie organisieren im Veedel Nachbarschaftshilfe, um gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen – ein wunderbares Beispiel dafür, wie Engagement Brücken baut.

In der abschließenden Feedbackrunde wurde übrigens unsere Geschäftsstelle als „schönster Tagungsort Kölns“ gelobt – und das fantastische Essen, mit dem uns die Ehrenfelder Hauswirtschaft und das Café Querbeet versorgt haben, ebenfalls. Ein herzliches Dankeschön dafür!

Unser Fazit: Aus den intensiven Diskussionen und Begegnungen ziehen wir viele wertvolle Impulse: Nur durch eine offene und inklusive Haltung kann gesellschaftliches Engagement nachhaltig gefördert werden. 

Ein Zwischenruf: Nachhaltige Perspektiven für Einwanderungspolitik

Ein Zwischenruf 

… der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege

10 Handlungsmaxime

Mit diesem Zwischenruf möchten die Verbände zu einer besonnenen und evidenzbasierten Debatte über Flucht, Migration und Integration aufrufen. Es steht für unsere Gesellschaft mittlerweile viel auf dem Spiel. Aufgehängt am Thema Migration werden zunehmend Zweifel an der Handlungsfähigkeit unserer demokratischen Institutionen gesät und radikale Forderungen laut, welche den gesellschaftlichen Zusammenhalt infrage stellen. Die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege in Deutschland stehen für eine demokratische und inklusive Gesellschaft ein. Handlungsleitend sind Humanität, das Ziel einer evidenzbasierten und bedarfsgerechten Migrations- und Integrationspolitik sowie die Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Dies lässt sich auf die folgenden 10 Handlungsmaxime herunterbrechen:

1. Die Menschen in den Mittelpunkt stellen
Migration ist nicht immer Ergebnis einer selbstbestimmten Entscheidung, sondern häufig durch große Not verursacht. Sie bedeutet meist, viel im Herkunftsland zurückzulassen. Die Chancen von Migrant*innen auf Teilhabe in Deutschland unterscheiden sich erheblich. Umso wichtiger ist es, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Ankommen und gesellschaftliche Teilhabe für alle schnell möglich sind. Administrative Hürden sollten so gering wie möglich gehalten werden.

2. Humanität wahren
Wer in Deutschland Schutz sucht, muss menschenwürdig behandelt werden und wer einen Schutzanspruch geltend macht, ein faires Verfahren erhalten. Die Debatte fokussiert aktuell auf Kontrolle, Abschreckung und Restriktionen wie Zugangsbeschränkungen und haftähnliche Zustände. Diese Maßnahmen gefährden humanitäre Mindeststandards und damit unsere offene Gesellschaft. (Migrations-)politische Erwägungen finden ihre Grenzen an der unantastbaren Menschenwürde.

3. Eine evidenzbasierte Migrations- und Integrationspolitik vorantreiben
Die Migrationsdebatte wird oft von Mythen, Ideologien und Instrumentalisierung überlagert. Dies führt zu Unsicherheit, Falschbehauptungen und im schlimmsten Fall zu einer ineffektiven, adhoc getriebenen Migrationspolitik. Scheinlösungen und spaltende Narrative müssen hinterfragt werden, Migrations- und Integrationspolitik muss langfristig gedacht sein und auf Fakten basieren.

4. Politik bedarfsgerecht gestalten
Rein negative Narrative über Migration unterminieren Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Fehlende Zugangswege führen aus unserer Erfahrung heraus kaum zu weniger Migration, sondern dazu, dass sich Menschen auf immer gefährlichere Migrationswege begeben. Wir begrüßen positive Öffnungen im Bereich Fachkräftezuwanderung und Zugang zum Arbeitsmarkt. Es braucht darüber hinaus realistischen und zugleich mutigen politischen Gestaltungswillen für eine vorausschauende Migrations- und Asylpolitik. Unabhängig davon müssen die großen strukturellen Defizite bei Wohnungsbau, Kitabetreuung und Schulwesen angegangen werden. Auch eine inklusive und bedarfsgerechte Ausgestaltung der sozialen Infrastruktur ist Grundlage für eine nachhaltige Politik und deren Akzeptanz.

5. Globale und europäische Perspektiven einnehmen

Migration und Flucht sind globale Phänomene, die eine Politik erfordern, welche europäische und globale Perspektiven mit einbezieht. Hierzu gehört der internationale Wettbewerb um Arbeits- und Fachkräfte und die Tatsache, dass der weitaus größte Teil aller Menschen auf der Flucht Binnenvertriebene sind oder in der Region bleibt, muss der internationale Schutz und die Versorgung vor Ort gestärkt werden. Insgesamt erwarten wir eine Politik, die mit Partnerländern in enger Abstimmung und auf Augenhöhe entwickelt wird.

6. Einen ganzheitlichen Diskurs führen
Migration ist Normalität und historische Selbstverständlichkeit einer jeden Gesellschaft. Sie bringt Chancen, aber auch Herausforderungen mit sich. Ein besonnener, aufgeklärter und ausgewogener Diskurs ist die Voraussetzung für eine informierte Migrationspolitik, die allen zugutekommt. Migration ist eine Transformationsaufgabe, die die gesamte Gesellschaft betrifft.

7. Debatten um innere Sicherheit von Migrationsdebatte trennen
Die Vermischung der Themen innere Sicherheit und Migration führt zu einer problematischen Verzerrung des öffentlichen Diskurses. Migration wird dabei oft als Bedrohung dargestellt, was Ängste schürt und Vorurteile verstärkt. Das führt zu ineffektiven Maßnahmen und verhindert konstruktive Lösungen. Realen Gefahren wie Kriminalität und Extremismus sollte sicherheitspolitisch und durch Stärkung von Prävention be-gegnet werden.

8. Den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken
Migration ist seit jeher Teil von gesellschaftlichen Veränderungen auf kultureller, wirt-schaftlicher und politischer Ebene. Diese Veränderungsprozesse erzeugen bei vielen Menschen Stress und Überforderung. Umso wichtiger ist es, Räume für Dialog und Austausch zu schaffen, um gemeinsam an einer inklusiven Gesellschaft zu arbeiten und die Gestaltungsspielräume für alle sichtbar und nutzbar zu machen. Für den so-zialen Frieden in Deutschland ist es entscheidend, dass alle Menschen hier Zugang zu den sozialen Sicherungssystemen haben. Je besser diese Systeme ausgestaltet und koordiniert sind, desto größer ist die gesellschaftliche Akzeptanz.

9. Gegen Rassismus & Diskriminierung vorgehen
Die rassistische Diskriminierung in Deutschland nimmt stetig zu. Auch antisemitisch motivierte Beleidigungen und Übergriffe haben jüngst massiv zugenommen. Gleichzeitig ist das Bewusstsein für rassistische und antisemitische Diskriminierung und ihre Folgen in der Gesamtbevölkerung eher gering. Diskriminierung kann beim Zugang zu Bildung, Wohnraum und Arbeit erhebliche Hindernisse schaffen und die soziale Teilhabe stark erschweren. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sich für ein tolerantes und vielfältiges Miteinander einzusetzen und Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus entschlossen zu bekämpfen.

10 . Visionen aktiver Teilhabe in einer pluralen Gesellschaft stärken
Die Verbände der BAGFW leitet die Vision einer pluralen Gesellschaft, in der alle Menschen gleichermaßen die Möglichkeit der aktiven politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Teilhabe haben. Auf dem Weg dahin sind Haltungen und Einstellungen zu überdenken, Aushandlungsprozesse neu zu finden, Barrieren wie Benachteili-gung und Ausgrenzung zu minimieren und entsprechende Unterstützungsstrukturen nachhaltig zu fördern.

 

Berlin, 27.01.2025
Bundesarbeitsgemeinschaft
der Freien Wohlfahrtspflege e. V.
Evelin Schneyer
Geschäftsführerin

Pflege gestalten: Fachpolitischer Austausch in St. Heribert

Wie können wir die Pflege in Köln zukunftssicher gestalten und welche Wünsche hat die Caritas Köln an die Politik? Verantwortliche und Mitarbeitende der Caritas tauschten sich am Freitag gemeinsam mit Bewohner*innen des Caritas-Altenzentrums St. Heribert und Bundestagskandidat Roman Schulte sowie Ratsmitglied Mechthild Böll, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Rat, zu den drängendsten Herausforderungen in der Pflegebranche aus.

 

Eindeutig ist: Vor der anstehenden Bundestagswahl findet das Thema „Zukunft der Pflege“ in der öffentlichen und politischen Debatte viel zu wenig Beachtung, obwohl bekannt ist, dass es nicht nur in Köln, sondern in ganz Deutschland bei der Pflege von Menschen dringend Antworten auf zentrale Fragen zum Umgang mit dem demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel braucht.

 

Die zentralen Herausforderungen:

 Es fehlen Pflegeplätze! Allein in Köln gibt es aktuell 40 Pflegeeinrichtungen zu wenig. Gleichzeitig ist der Bedarf aufgrund der alternden Bevölkerung hoch. In neuen Wohnvierteln werden Pflegeeinrichtungen bereits mitgedacht, hier braucht es einen realistischen Schlüssel von Einrichtungen pro Einwohnerzahl, der auch perspektivisch die Bedarfe deckt. Für bestehende Einrichtungen benötigen Träger wie die Caritas Köln wiederum die Möglichkeiten der Erweiterung, denn aktuell sind die Plätze pro Altenzentrum auf 80 Personen begrenzt. „Die Caritas Köln hat in den letzten zehn Jahren viel investiert, neue Altenzentren gebaut und die bestehenden nach modernstem Standard saniert. Baulich könnten wir unsere Einrichtungen erweitern, aber derzeit sind uns die Hände gebunden“, so Markus Peters, Vorstandssprecher der Caritas Köln. „Es braucht Lösungen für die Refinanzierung der Investitionskosten.“

 

 Fachkräftemangel: 30 % der heutigen Pflegekräfte gehen in den nächsten zehn Jahren in den verdienten Ruhestand. „Die Gewinnung von Mitarbeitenden ist daher eine zentrale Frage, wenn wir den Pflegebedarf sicherstellen wollen. Dafür brauchen wir dringend auch Fachkräfte aus dem Ausland“, so Detlef Silvers, Leiter des Geschäftsfeldes Alter & Pflege in der Caritas Köln. Umso bestürzender sei, dass die aktuellen öffentlichen Diskussionen nur behandelten, wie Einwanderung verhindert werden könne. Silvers: „Die Frage muss vielmehr lauten: Wie bekommen wir Menschen aus dem Ausland möglichst schnell in unseren Arbeitsmarkt integriert? Die Abläufe zur Anerkennung von Abschlüssen und der schnellen Erteilung einer Arbeitserlaubnis müssen dringend verbessert werden.“

 

 Herausforderungen in der Praxis: Die Anforderungen an die Pflege sind gestiegen. Eine Weiterentwicklung der Digitalisierung im Hinblick auf Pflegetechnik, aber auch Dokumentationen können die Pflegekräfte entlasten. Sowohl Mitarbeitende als auch Bewohner*innen wünschen sich mehr Zeit auch für die für soziale Betreuung – denn Pflege ist weit mehr als körperliche Versorgung. Jede Unterstützung ist eine Hilfe, daher war auch der Wunsch der anwesenden Pflegekräfte und Bewohner*innen z.B. nach Menschen aus dem früheren Zivil- oder heutigen Freiwilligendienst sehr nachvollziehbar.

 

 Kosten und Finanzierung: Wie sichern wir die Pflegefinanzierung nachhaltig? Mit Blick auf die Entwicklungen des demografischen Wandels bedarf es einer Reform im System der Sozialversicherung, besonders der Renten- und Pflegeversicherung. Auch die Krankenversicherung wird in Folge der Überalterung der Gesellschaft vor vergleichbaren Anforderungen stehen, wenn auch deren Thematik von Finanzierung und Leistung sich auf alle Altersgruppen der Gesellschaft bezieht. Eine weitere Finanzierung der sozialen Absicherung allein aus Lohnabgaben wird nicht tragfähig sein. Hier braucht es politische Lösungen! 

Wir sagen allen Beteiligten ganz herzlichen Dank für den interessierten und offenen Austausch und freuen uns darauf, diesen Dialog fortzusetzen!

Zum Positionspapier der Caritas Köln

„5-Punkte-Plan“ – Das können wir so nicht stehen lassen

Die Union hat am 29.01.2025 im Bundestag mit Hilfe von Stimmen der AfD und FDP einen Antrag durchgesetzt, der die Bundesregierung zu einem umfassenden Kurswechsel in der Migrationspolitik auffordert. In einem Fünf-Punkte-Plan fordert sie unter anderem dauerhafte Grenzkontrollen, Zurückweisungen von Asylbewerber*innen und Haft für Ausreisepflichtige.

SPD und Grüne halten den Fünf-Punkte-Plan für verfassungswidrig und sehen in der Tatsache, dass Stimmen der AfD billigend für eine Mehrheit in Kauf genommen werden, einen Tabubruch.

Zu dieser Situation und dem Migrationsantrag wollen auch wir Stellung beziehen:

Markus Peters, Vorstand Caritas Köln: „Die Entscheidung zu umfassenden Zurückweisungen von Asyl- und damit Schutzsuchenden an den deutschen Grenzen erfüllt uns mit großer Sorge. Sie widerspricht den humanitären und christlichen Grundwerten und verfehlt unsere Verpflichtungen gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention. Betroffen von dieser Entscheidung sind überwiegend unschuldige Menschen, die in großer Not sind und unseren Schutz brauchen. Das Sicherheitsinteresse darf nicht automatisch alle Menschen, die zu uns kommen, unter kriminellen Generalverdacht stellen. Es braucht eine klare Differenzierung der Probleme und damit auch eine sinnvolle Differenzierung der Maßnahmen. Eine Gesellschaft, die auf Solidarität und Mitmenschlichkeit setzt, darf sich nicht von Angst und Abschottung leiten lassen, sondern muss gute Lösungen finden. Wir fordern ein klares Bekenntnis der demokratischen Mitte zu Humanität, auch am Freitag, wenn in der bindenden Abstimmung über den Gesetzesentwurf zum sogenannten ‚Zustrombegrenzungsgesetz’ entschieden wird.“
Tim Westerholt, Leiter des Geschäftsfeldes Integration der Caritas Köln: „Vorsorgehaftmaßnahmen, Abschiebungen und untersagter Familiennachzug für Bürgerkriegsflüchtlinge zerreißen Familien und gefährden die seelische Gesundheit insbesondere von Kindern und Jugendlichen. Dies widerspricht der Menschenwürde, dem Grundgesetz und europäischen Kindeswohlverpflichtungen. Und es führt unweigerlich zu weiteren Traumatisierungen bei den Betroffenen. Wir fordern, bei allen politischen Entscheidungen die Rechte und das Wohl aller Menschen, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, an erste Stelle zu setzen.“

Claudia Schedlich zu Gast beim Parlamentarischen Frühstück

Fotonachweis BAGFW/Martin Dziuba

Claudia Schedlich, Leiterin unseres Caritas-Therapiezentrums für Menschen nach Folter und Flucht, war in der vergangenen Woche auf Einladung des Deutschen Caritasverbandes (DCV) eine von bundesweit drei Vertreter*innen der Psychosozialen Zentren (PSZ) beim Parlamentarischen Frühstück in Berlin, an dem auch sechs Mitglieder des Bundestages teilnahmen. Gemeinsam mit der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) und der Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) stellten sie die gesellschaftspolitisch relevanten Aufgaben der PSZs und deren prekäre finanzielle Lage dar. Denn: Im aktuellen Haushaltsentwurf ist eine Kürzung um 6 Millionen Euro vorgesehen. Diese Unterfinanzierung gefährdet nicht nur die Versorgung der Geflüchteten, sondern auch die Strukturen der PSZ selbst: Insolvenzen und der Verlust von Fachkräften sind die unausweichliche Folge, wenn nicht rasch gehandelt wird.

 

„Die Psychosozialen Zentren leisten unverzichtbare Arbeit“, betonte Lukas Welz, Geschäftsleitung der BAfF. „Sie bieten ganzheitliche Unterstützung – von psychotherapeutischer Behandlung über Sozialberatung bis hin zur Rechtsberatung. Diese Angebote sind entscheidend für die psychosoziale Gesundheit und die Teilhabe von Schutzsuchenden, sei es im Sozialraum oder am Arbeitsmarkt. Die Psychosozialen Zentren sind oft der einzige Ort, an dem Menschen, die Folter, Krieg und andere schwere Menschenrechtsverletzungen erlitten haben, die Möglichkeit haben, ihre traumatisierenden Erfahrungen zu bearbeiten.“

Fotonachweis BAGFW/Martin Dziuba

„Etwa ein Drittel der nach Deutschland geflüchteten Menschen leidet aufgrund des Erlebten an psychischen Erkrankungen wie posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen oder Angstzuständen“, erklärte Schedlich. „Es war mir wichtig, den Mitgliedern des Bundestages einen Eindruck unserer praktischen Arbeit zu vermitteln und für die Bedarfe und die integrativen Prozesse zu sensibilisieren“, erklärte Schedlich. „Wir müssen deutlich machen, welche dramatischen Folgen und Folgeprobleme man mit Kürzungen auslöst“, so Schedlich.

„Unser Caritas-Therapiezentrum ist für Geflüchtete ein geschützter Ort, an dem sie zumindest beginnen können, ihr Trauma aufzuarbeiten, wo Schutz finden und wieder Perspektiven erkennen. Die aktuell geplanten Kürzungen der Bundesregierung belasten nicht nur die Betroffenen, sondern führen auch zu hohen Folgekosten für Bund, Länder und Kommunen. An der Seite anderer Spitzenverbände setzen wir uns als Caritas Köln daher für eine nachhaltige Finanzierung der PSZ ein. Es darf keine finanzielle Unterversorgung dieser so wichtigen Angebote geben“, erklärt Markus Peters, Vorstandssprecher der Caritas Köln, angesichts der aktuellen Haushaltsdiskussion.

Fotonachweis BAGFW/Martin Dziuba

 

Weitere Informationen

Mit Blick auf den Bundeshaushalt für 2025 fordern BAGFW und BAfF eine nachhaltige, bedarfsdeckende Finanzierung. Es brauche derzeit mindestens 27 Millionen Euro aus Bundesmitteln, um die PSZ flächendeckend weiterführen zu können. Im aktuellen Haushaltsentwurf ist jedoch eine Kürzung um 6 Millionen Euro vorgesehen, sodass für das Bundesprogramm nur noch 7,13 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Diese Unterfinanzierung gefährdet nicht nur die Versorgung der Geflüchteten, sondern auch die Strukturen der PSZ selbst: Insolvenzen und der Verlust von Fachkräften seien unausweichlich, wenn nicht rasch gehandelt wird.

Die finanzielle Lage der PSZ hat sich im Jahr 2024 verschlechtert. „Nach dem Erhalt zusätzlicher Bundesmittel in 2022 und 2023, mussten wir in 2024 aufgrund massiver Kürzungen viele Angebote wieder einschränken“, erklärt Nadja Saborowski, stellvertretende Bereichsleitung Jugend- und Wohlfahrtspflege des DRK für die BAGFW. „Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Unterstützung unserer Klient*innen.“

„Das Therapiezentrum ist für mich das Boot …“

Ein erheblicher Anteil der in Deutschland schutzsuchenden Geflüchteten (30-40%) leidet aufgrund von Gewalterfahrungen, Folter und Verfolgung im Heimatland und auf der Flucht unter psychischen Belastungsfolgen.  Für diese Menschen, sind die Psychosozialen Zentren die einzige Zugangsmöglichkeit zu dringend notwendiger Beratung und Behandlung. Sie fördern den Erhalt demokratischer Grundwerte und die Wahrung der Menschenrechte!

Anlässlich des Welt-Flüchtlingstags haben wir uns in unserem Caritas-Therapiezentrum für Menschen nach Folter und Flucht mal umgehört und Stimmen unserer Kolleg*innen eingefangen:

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Für mich gehört das Therapiezentrum zu den Orten, die entgegen aller politischen Entwicklungen versuchen, die Humanität gegenüber Menschen in schwerster Not zu erhalten. Ich glaube gesellschaftlich gibt es in Deutschland und Europa einen großen Widerwillen, all das Schreckliche, das Menschen erleben müssen und zu einer Flucht bewegt, wirklich anzuerkennen. Es ist für viele leichter, diese Menschen auszublenden, zu entmenschlichen und zu verteufeln. Es ist keine einfache Arbeit, diese Geschichten an sich heranzulassen, aber ich schätze sie, weil sie der Wahrheit ins Gesicht sieht anstatt sie gegen die Verletzlichsten unserer Gesellschaft zu wenden. Ich glaube an die Aussage von Maya Angelou: „The truth is, no one of us can be free until everybody is free.“

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Das Therapiezentrum ist für mich das “Boot“, das Folter- und Flucht-Überlebende ans sichere Ufer bringen kann. Wie viele Menschen überleben Folter wie Flucht und schaffen es nach Deutschland; und gehen dann kaputt weil (zum Beispiel) das Therapiezentrum wegen mangelnder politischen und finanziellen Unterstützung nicht ausreichend helfen kann.

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Arbeit im CTZ ist praktische Menschenrechtsarbeit.

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  • Was ist das Therapiezentrum, was passiert dort?

Das Therapiezentrum ist als Psychosoziales Zentrum (PSZ) ein Ort, der als Brücke zur Gesellschaft beschrieben werden kann. Das Caritas-Therapiezentrum als Ort für Geflüchtete Menschen, an dem ein Ankommen möglich ist. An dem gemeinsam nach Türen in ein neues, sicheres Leben geschaut wird und Menschen Unterstützung dabei erfahren, sich diese vielfältigen, manchmal auch unzähligen Türen zu öffnen und hindurch zu gehen.

 

  • Was macht die Arbeit für Sie besonders? Wann erfüllt Sie ihr Job?

Wenn Klient:innen mir zurückmelden: „Sie haben mir meine Seele ein bisschen leichter gemacht.“, dann weiß ich, ich tue das Richtige.

 

  • Warum ist das Angebot für den gesellschaftlichen Frieden der Stadt so wichtig?

Menschen deren Seele zur Ruhe kommen kann, weil sie sich (vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben) in Sicherheit fühlen können und die einen Ort und Möglichkeiten finden, alte Belastungen zu lindern oder gar loszulassen werden ihren Weg in eine neue Zukunft gehen können. Eine Zukunft, in der sie sich mit anderen Menschen verbinden, statt sich allein und unsicher zu fühlen. Diese Verbundenheit mit dem Leben und mit den Menschen schafft Begegnung und Perspektive und trägt zum gesellschaftlichen Frieden im Miteinander bei.

 

  • Was erleben sie in Ihrem Berufsalltag? Was war ihr schönstes Erlebnis? Gibt es eine besondere Erfolgsgeschichte?

Die Gemeinsamkeit und die Stärke eines mit den Klient*innen solidarischen, multiprofessionellen Teams und dessen menschenwürdiges Handeln. Die Kompetenz des CTZ-Teams auf allen Ebenen schafft eine belastbare und in dieser Kompetenz helfende Basis, um denjenigen, die alles verloren haben einen Ort zum Ankommen bereiten zu können und ihnen das Weitergehen zu ermöglichen.

 

  • Solidarität mit Geflüchteten Menschen, was kann jede*r einzelne dazu beitragen?

Sich einfach manchmal den Gedanken erlauben:

Was wäre eigentlich, wenn ich die Geflüchtete wäre? … mein Mann vor meinen Augen enthauptet …meine Tochter von Unbekannten verschleppt …mein Leben und meine Seele in Trümmern und mehr als den Schmerz und die kaputten Schuhe an meinen Füßen ist mir nicht geblieben. Würde ich Arme brauchen, in die ich vertrauensvoll sinken kann? … in deren Schutz ich mir das Weinen erlauben kann? … deren Hände mich halten und mir Sicherheit geben, wenn meine Überlebensschuld und verlorene Menschenwürde mich in die Knie zu zwingen drohen? …

Dieser Gedanke kann vielleicht helfen, dass wir als Gesellschaft menschlich bleiben, den Wert eines menschenwürdigen Handelns als hohes Gut in unseren Alltag integrieren und schließlich nicht vergessen, dass Menschenwürde keine Selbstverständlichkeit ist sondern unserer inneren Haltung entspringt.

 

Hintergruninformationen zu den Psychosozialen Zentren für Geflüchtete: 

Die PSZs in Deutschland leisten mit traumzentrierter/psychosozialer Beratung und Psychotherapie sowie der Weiterbildung von Fachkräften einen wesentlichen Beitrag zur Teilhabe und Integration Geflüchteter.

Multiprofessionelle Teams entlasten Behörden und das Aufnahmesystem. Sie stärken Geflüchtete in ihrer Lern- und Arbeitsfähigkeit und begleiten sie auf dem Weg in Schule, Ausbildung und Arbeit. Die Anbindung der Menschen an die Zentren ebnet Wege zur Integration, ermöglicht die Genesung von Menschen, die als Fachkräfte dringend gebraucht werden und baut eine Brücke zur Gesellschaft. Isolation, Ohnmachtserleben und resultierende potenzielle Krisen sowie Gefährdungen werden in den PSZs erkannt und frühzeitig abgewendet. Das Engagement der PSZs fördert auf diese Weise das gesellschaftliche Miteinander und trägt zur Sicherung des sozialen Friedens sowie zur Stärkung der Orientierung an demokratischen Grundwerten bei.

Ein erheblicher Anteil der in Deutschland schutzsuchenden Geflüchteten (30-40%) leidet aufgrund von Gewalterfahrungen, Folter und Verfolgung im Heimatland und auf der Flucht unter psychischen Belastungsfolgen. Postmigrationsstressoren tun ihr Übriges. Für diese Menschen, die kaum Chancen haben im gesundheitlichen Regelsystem anzukommen, sind die Psychosozialen Zentren die einzige Zugangsmöglichkeit zu dringend notwendiger Beratung und Behandlung. Die Identifikation besonderer Schutzbedarfe infolge psychischer Belastungen und die Bereitstellung adäquater Hilfen sind Konsens nach den EU-Aufnahmerichtlinien. Die PSZs in Deutschland setzen diese EU-Richtlinie kompetent und zuverlässig um. Diese Versorgungsstruktur müsste ausgebaut und nicht gekürzt werden.

Die Kürzungen Im Haushaltsentwurf 2025 für die PSZs in der Bundesrepublik Deutschland um 45,8% von 13,1 Mio. € im Jahr 2024 auf 7,1 Mio. € für das Jahr 2025 gefährden diese gesellschaftlich relevante Aufgabe erheblich und führen in der Konsequenz zum Scheitern von Integration und der Zunahme sozialer Konflikte.

Zusätzliche Informationen zu der Arbeit der PSZs in Deutschland und den Konsequenzen der Kürzungen finden Sie hier:

https://www.baff-zentren.org/aktuelles/bundeshaushalt_kuerzung_psz_2025/

2024-08-06_Fact_Sheet_PSZ_BAGFW_aktualisiert_nach_RE_und_mit_BAfF_Daten.pdf

 

Ein bisschen Frieden…

Unser Kollege Tim Westerholt hat sein Büro im Caritas-Zentrum Kalk und leitet den Leistungsbereich Integration und Beratung. Hier erhalten geflüchtete Menschen, die in Deutschland ankommen, Unterstützung: Im Asylverfahren, beim Deutsch lernen, beim Arbeits-, Schul- und Kitaplätze finden, beim Wohnen und in vielen weiteren Bereichen der Integration… Deutschland kennt viele Gesetze und kann gerade am Anfang sehr kompliziert sein. Die Beratungsdienste der Caritas bieten direkte Hilfestellungen: das Beratungsangebot ist freiwillig, kostenlos und immer vertraulich. Tim Westerholt weiß, hinter jeder Flucht steckt ein individuelles Schicksal. So auch das von Farhad … 

Farhad U. ist 2021 aus Afghanistan geflohen. Als ehemaliger Mitarbeitender eines Subunternehmens, dass Transporte für die westlichen Militärs durchführte, blieb ihm nach deren überhasteten Rückzug und der folgenden Machtübernahme der Taliban nichts anderes übrig.

„Friede beginnt bei mir“, liest er an unserer Beratungstür und muss müde lächeln. Ich kann ihn verstehen. Wo liegt der soziale Frieden für Farhad? In den schlaflosen Nächten, voller Sorge um seine Kinder und Ehefrau, die papierlos und diskriminiert im afghanischen Nachbarland Iran leben müssen? In der Sorge, dass sein nun anderthalb Jahre andauerndes Asylverfahren vielleicht keinen guten Ausgang nehmen wird? In der Ohnmacht, nun bald drei Jahre der Lebenszeit seiner heute nicht mehr ganz so kleinen Kinder verpasst zu haben? Oder im gesellschaftlichen Druck, den er hier verspürt, weil er mitbekommen hat, dass Deutschland Geflüchteten verbieten möchte, Geld ins Ausland zu überweisen und Europa gleichzeitig seine Grenzzäune noch höher ziehen will und der deutsche Kanzler gleichzeitig davon spricht, Geflüchtete konsequent nach Afghanistan abschieben zu wollen?

Farhad erhält hier monatlich 204,00 Euro. Ja, seine Flüchtlingsunterkunft wird noch dazu finanziert und die Summe gilt als sein „persönlicher Bedarf“. 50,00 Euro überweist er hiervon jedoch monatlich an seine Familie. Weitere 50,00 Euro gehen an seinen Anwalt, der ihn im Asylverfahren unterstützt. Es bleiben ihm monatlich 104 Euro – für alles. Er redet mittlerweile nicht mehr gerne darüber, dass er seine Frau und Kinder unterstützt. Er hat das Gefühl, dies sei hier nicht gewünscht, ja, fast schon illegal.

Es gibt nur wenig friedliche Ufer auf dem sehr unruhigen Ozean von Farhads Gefühlswelt. Wenn es ihm gelingt, die Sorge um seine Familie beiseitezuschieben, so erinnern ihn die Frustration, von den NATO-Verbündeten im Stich gelassen worden zu sein, sowie die nicht verarbeiteten und traumatischen gewaltsamen Erlebnisse in Afghanistan wie an den europäischen Außengrenzen, an seine eigene innere Verwundung.

Und dennoch ist die Flüchtlingsberatung der Caritas für ihn ein Ort des seltenen Friedens.

Einer der wenigen Orte, an dem er nicht mehr misstrauisch sein muss, weil auch ihm dort nicht misstraut wird. Die inneren und äußeren Herausforderungen Farhads sind gewaltig und kaum nachzufühlen. Vielleicht sind es gerade die kleinen und wenigen Selbstverständlichkeiten, die ihn immer wieder die Beratung aufsuchen lassen: Eine zugewandte, menschliche Haltung, spürbare Parteilichkeit und unentgeltliche Hilfsbereitschaft, Empathie und ein unaufgeregtes Auffangen und Sortieren. Farhad hat begriffen, dass sozialarbeiterische Flüchtlingsberatung keine Gesetze verändern kann, keine nationalen Grenzen niederreißt und auch keine Gewähr für ein positives Asylverfahren bietet. Schön wär‘s. Aber sie ist eine Mitstreiterin und steht auf seiner Seite – nur deswegen kann sich Farhad hier öffnen. Es gibt keinen anderen Ort für ihn in Köln, wo das so ist.

Die Caritas Beratungsdienste für Eingewanderte und Geflüchtete stiften Frieden – auch denen gegenüber, die bereits in Deutschland leben. Mitten im Veedel, ob in Porz, Kalk, Meschenich, Chorweiler, also dort, wo Menschen mit Flucht- und Einwanderungsgeschichte oftmals als erstes landen, moderieren und vernetzen sie. Sie bringen Menschen in Kontakt fördern Verständnis füreinander und wirken so Hass und Ausgrenzung entgegen.

Und auch Farhad stiftet Frieden. Er hat wirklich gute Gründe für Wut und Verzweiflung und dennoch gibt es kaum jemanden, der sich mehr Frieden wünscht. Ein Viertel seines sehr geringen Einkommens fließt jeden Monat zu seiner Familie. Er versteht vieles nicht, was die Menschen heute über Geflüchtete sagen und trotzdem findet er immer noch, dass Deutschland ein gutes Land ist. Unsere Beratung hilft ein kleines bisschen dabei, dass er das auch morgen noch sagen kann. Eine humane Flüchtlingspolitik in Deutschland kann sie alleine nicht erzeugen. Dafür müssen wir alle zusammen sorgen.

Autor: Tim Westerholt