65 Jahre Teilhabe im Wandel: Die Entwicklung der Caritas Wertarbeit

Was 1961 mit sieben jungen Menschen in einer kleinen Kölner Werkstatt begann, ist heute ein moderner Werkstattverbund mit vielfältigen Arbeits- und Förderangeboten für knapp 1000 Beschäftigte. Die Geschichte der Caritas Wertarbeit ist eine Geschichte von Wachstum, gesellschaftlichem Wandel und dem stetigen Einsatz für mehr Teilhabe. Über sechs Jahrzehnte hinweg wurden neue Standorte geschaffen, Arbeitsfelder erweitert und immer wieder Antworten auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung und psychischer Erkrankung gefunden.
Eine Chronologie von Eugen Müller-Handler, Leiter der Werkstätten von 1971-2007 und Jochen Günther, Referent Teihabemanagement

 

Die Geschichte der Caritas Wertarbeit, 

ehemals Caritas Werkstätten Köln

Die Anfänge: Zwei Wurzeln einer gemeinsamen Geschichte

Bereits 1961 wird in Trägerschaft des Sozialdienstes Katholischer Männer e.V. Köln in den Räumen der „Offenen Tür St. Mauritius“ in der Großen Telegraphenstrasse die erste „Beschützende Werkstatt“ für sieben behinderte Jugendliche in Köln gegründet. Dies ist der Ursprung der „Caritas Werkstätten Köln“.

Gleichzeitig betreibt das Kinderheim „Maria Hilf“ in Trägerschaft der „Schwestern vom armen Kinde Jesu“ in Köln-Kalk ein Hilfsschulheim mit Heimschule für Mädchen mit Behinderung. Dies sind die Wurzeln der heutigen Betriebsstätte „Clara-Fey-Haus“.

Im Oktober 1963 mietet der SKM Räume in einer alten Mädchenschule in der Gereonstrasse an, wo die „Beschützende Werkstatt“ in eigenen Räumen kontinuierliche Arbeit für behinderte Jugendliche leisten kann. Diese Werkstatt wird stetig erweitert bis auf 35 Plätze. Die Heimschule in Köln-Kalk heißt nun „Clara-Fey-Bildungsstätte“ und dort werden im September 1964 bereits 40 behinderte Mädchen in vier Klassen unterrichtet und betreut.

Gut Frohnhof: Der Aufbau einer modernen Werkstatt

Im Juli 1971 errichtet der Caritasverband für die Stadt Köln e.V. auf dem Gelände des ehemaligen städtischen „Gut Frohnhof“ in Köln-Ossendorf eine Werkstatt für behinderte Menschen. In die Räume des ersten Bauabschnitts ziehen die 35 behinderten Jugendlichen und Erwachsenen sowie sieben Mitarbeiter der „Beschützenden Werkstatt“ des Sozialdienstes Katholischer Männer e.V. Köln ein. 1973 wird der zweite Bauabschnitt der WfB „Gut Frohnhof“ fertig und es stehen nun 160 Werkstattplätze zur Verfügung.

 

Aus Bildung wird Arbeit: Das Clara-Fey-Haus entsteht

Laut Kultusministerbeschluss von 1971 ist den Sonderschulen für Geistigbehinderte die Werkstufe angegliedert worden. So hat die „Clara-Fey-Bildungsstätte“ wie viele andere Tagesstätten keinen klaren rechtlichen Auftrag mehr. Auf Drängen der Kostenträger finden im Mai 1974 erste Gespräche über eine Kooperation mit der WfB „Gut

Frohnhof“ beim Landschaftsverband Rheinland statt. Es vergehen über sieben Jahre. Erst im Januar 1982 wird die „Clara-Fey-Bildungsstätte“ vom Caritasverband für die Stadt Köln e.V. als Zweigwerkstatt der WfB „Gut Frohnhof“ übernommen. Die Zweigwerkstatt heißt nun „Clara-Fey-Haus“ und wird vom „Gut Frohnhof“ mit Arbeit versorgt. Aus der Bildungsstätte wird eine Werkstatt.

Wachstum und neue Perspektiven

Wegen des stetig wachsenden Bedarfs an Werkstattplätzen für Menschen mit Behinderung wird auf dem Gelände von „Gut Frohnhof“ ein Erweiterungsbau mit 90 Plätzen erstellt und kann im Oktober 1983 bezogen werden. Auch ein Werkstattladen mit angegliederter Näherei wird im April 1986 am „Gut Frohnhof“ eröffnet.

Die Räumlichkeiten in Köln-Kalk sind für einen ordentlichen Werkstattberieb nicht geeignet. In Absprache mit den Kostenträgern wird ein Neubau mit 170 Plätzen auf dem Gelände in Köln-Kalk geplant. Baubeginn ist im Januar 1989 und Einweihung und Bezug der neuen Zweigwerkstatt „Clara-Fey-Haus“ erfolgt im Januar 1991. Es stehen nun in Ossendorf und in Kalk insgesamt 430 Arbeits- und Betreuungsplätze für Menschen mit Behinderung zur Verfügung.

 

Erweiterung des Angebots: CariTec und besondere Betreuung

Auch Menschen mit psychischer Erkrankung oder Behinderung suchen Werkstattplätze. Die Kostenträger fordern eine strikte Trennung zu Menschen mit geistiger Behinderung. So werden im Oktober 1994 die beiden oberen Etagen im Altbau in der Bertramstrasse in Köln-Kalk mit Eigenmitteln zu einer Zweigwerkstatt für psychisch behinderte Menschen umgebaut. Diese Zweigwerkstatt mit 32 Plätzen erhält den Namen „CariTec“ und wird im April 1995 von den Kostenträgern offiziell als Werkstatt für Behinderte anerkannt. Im September 1995 werden die WfB „Gut Frohnhof“ mit den Zweigwerkstätten „Clara-Fey-Haus“ und „CariTec“ umbenannt in „Caritas Werkstätten Köln“.

Sowohl im „Gut Frohnhof“ als auch im „Clara-Fey-Haus“ werden ab 1990 Intensivfördergruppen für Menschen mit schweren Behinderungen und Verhaltensauffälligkeiten bedarfsgerecht eingerichtet. Sie heißen Arbeitsgruppen mit besonderer Betreuung (AmbB).

 

Mehr Vielfalt in der Arbeitswelt

Im November 1996 bekommen die „Caritas Werkstätten Köln“ die Möglichkeit, auf dem Gelände der ehemaligen Krankenhausgärtnerei des Elisabeth-Krankenhauses in Köln-Hohenlind eine Gartenbaugruppe einzurichten. Dies ist eine langersehnte Ergänzung des Arbeitsangebotes für die behinderten Beschäftigten, die gerne im Freien an der frischen Luft arbeiten wollen.

Qualität als Erfolgsfaktor

Von den Ford Werken, dem größten Auftraggeber der „Caritas Werkstätten Köln“, wird für eine weitere Zusammenarbeit ein zertifiziertes Qualitätsmanagement verlangt. So startet im Januar 1999 ein Qualitätsmanagement-Projekt mit dem Ziel der Zertifizierung aller Arbeits- und Betreuungsbereiche der „Caritas Werkstätten Köln“ nach DIN EN ISO 9001. Die erfolgreiche Zertifizierung der gesamten „Caritas Werkstätten Köln“ erfolgt im Dezember 2000 durch die DQS Deutsche Gesellschaft zur Zertifizierung von Managementsystemen GmbH.

 

Neue Angebote und ein weiterer Standort

Für Beschäftigte mit besonderem Betreuungsbedarf aufgrund von Alterserscheinungen, geringer Arbeitsfähigkeit und Verhaltensauffälligkeiten müssen angemessene Angebote zur Verfügung gestellt werden. So werden im Januar 2003 im „Gut Frohnhof“ bestehende Gruppenräume entsprechend umstrukturiert und ausgestattet. Die Arbeitsgruppen mit besonderer Betreuung fungieren als Bindeglied zwischen Arbeitsgruppen und Fördergruppen.
Der Platzbedarf an Werkstattplätzen wächst in Köln derart, dass die Kostenträger die „Caritas Werkstätten Köln“ zum Bau einer weiteren Zweigwerkstatt auffordern. Nach langer Suche eines geeigneten Grundstücks kann im Juni 2003 die Grundsteinlegung für die vierte Betriebsstätte der „Caritas Werkstätten Köln“ im Gewerbegebiet in Ossendorf in der Heinrich-Rohlmnn-Straße stattfinden.

Druckerei CariPrint, Foto: Harald Oppitz

Hier werden 90 Plätze für den Bereich Druckerei und Lettershop für Beschäftigte mit geistiger Behinderung und 65 Plätze für Beschäftigte mit einer psychischen Erkrankung geschaffen. Im Januar 2005 ziehen die Druckerei aus „Gut Frohnhof“ und der Lettershop aus dem „Clara-Fey-Haus“ in die Heinrich-Rohlmann-Strasse, die nun „CariPrint“ genannt wird. In den Bauabschnitt für die psychisch Erkrankten zieht die „CariTec“. In den frei gewordenen Räumen im „Gut Frohnhof“ und im „Clara-Fey-Haus“ werden Arbeitsgruppen mit besonderer Betreuung eingerichtet.

 

Vom Pionierprojekt zum Werkstattverbund

Herr Müller-Handler kann aus eigener Erfahrung bis hierher berichten.
Als er 1971 im „Gut Frohnhof“ begann, waren es 35 Beschäftigte und sieben angestellte Mitarbeitende. Zu seiner Verabschiedung im März 2007 hatten die „Caritas Werkstätten Köln“ an vier Standorten in Köln 580 Beschäftigte und 130 angestellte Mitarbeitende.

 

Auch in den folgenden Jahren wurden die Standorte kontinuierlich weiterentwickelt. Im Juni 2012 wurden die Ford-Gruppen an den neuen Standort in der Richard-Byrd-Straße verlagert. Im November desselben Jahres erfolgte die Zusammenführung aller Nähgruppen sowie der Weberei am Standort Gut Frohnhof.

2015 wechselten die verbliebenen Industrieservicegruppen aus dem Nordtrakt des Gut Frohnhof an den Standort Heinrich-Rohlmann-Straße. Anfang 2016 wurde der Bereich der Arbeitsgruppen mit besonderer Betreuung um drei produktionsnahe Gruppen erweitert.

Im November 2017 wurde die Außenarbeitsgruppe Dillenburger geschlossen und in den Gut Frohnhof integriert. Zwei Jahre später entstand dort außerdem eine Kleinstgruppe für Menschen mit besonders hohem Unterstützungsbedarf.

Caritas Wertarbeit heute

Heute steht die Caritas Wertarbeit für vielfältige Arbeits- und Förderangebote, individuelle Unterstützung und kontinuierliche Weiterentwicklung für knapp 1000 Beschäftigte. Was 1961 mit sieben Beschäftigten begann, hat sich zu einem modernen Werkstattverbund entwickelt, der Menschen mit Behinderung und psychischer Erkrankung vielfältige Möglichkeiten zur beruflichen Teilhabe eröffnet.

Weitere Infos zum heutigen Angebot der Caritas Wertarbeit:

60 Jahre Casa Italia: Gelebte Vielfalt, gewachsene Identität

„Noch immer in den Kinderschuhen“ – und doch unverzichtbarer Bestandteil einer diversen Stadtgesellschaft:

Die bilinguale Kindertagesstätte Casa Italia feiert ihr 60-jähriges Bestehen – ein Jubiläum, das weit mehr ist als nur ein Blick zurück. Es ist ein Anlass, eine Institution zu würdigen, die seit sechs Jahrzehnten Brücken baut: zwischen Sprachen, zwischen Kulturen, zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Über 2000 Kinder haben in der Casa Italia ihre ersten Schritte in eine Gesellschaft gemacht, die selbst im Wandel war – und es bis heute ist. Was 1965 als Unterstützung für Kinder italienischer Gastarbeiter*innen begann, ist heute ein lebendiges Modell für pädagogische Konzepte im Zeichen der postmigrantischen Gesellschaft. Denn Casa Italia hat sich nicht nur weiterentwickelt – sie ist ihrer Grundhaltung treu geblieben: Vielfalt ist kein Defizit, sondern ein Versprechen.

Gegründet vom Caritasverband Köln und getragen vom St. Elisabeth-Jugendheim e.V., reagierte die Einrichtung früh auf die sozialen Herausforderungen von Migration, Arbeitsmigration und Wohnraummangel. Die Entscheidung, 1980 auf ein bilinguales Konzept umzustellen, war mehr als eine didaktische Strategie – sie war ein Bekenntnis zur Anerkennung von Herkunft, Sprache und kultureller Prägung.

Diese Haltung – damals innovativ, heute hochaktuell – entspricht in vielerlei Hinsicht den Grundgedanken postmigrantischer Theorien, wie sie etwa von Naika Foroutan oder Mark Terkessidis formuliert wurden. In der Casa Italia wird täglich erfahrbar, dass gesellschaftliche Teilhabe nicht erst mit der „Anpassung“ beginnt, sondern mit Anerkennung. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch: Kinder lernen hier, sich in mehreren kulturellen und sprachlichen Räumen gleichzeitig zu bewegen – ohne ihre Identität aufgeben zu müssen.

Sprache als soziale Praxis – nicht als Hürde

Die Einrichtung folgt dem Prinzip „Eine Sprache – eine Person“, das wissenschaftlich belegt wurde, unter anderem in einer Evaluation der Universität zu Köln. Dieses Modell erlaubt es Kindern, beide Sprachen – Deutsch und Italienisch – auf natürliche Weise im Alltag zu erleben, ohne sie gegeneinander ausspielen zu müssen. Der authentische Sprachkontakt ist dabei nicht Selbstzweck, sondern Mittel zur Förderung von Selbstbewusstsein, Zugehörigkeit und Ausdrucksfähigkeit. Sprache wird nicht als Barriere verstanden, sondern als Medium der Weltaneignung.

Eine deutsch-italienische Brücke in einer pluralen Gesellschaft

Trotz der Öffnung gegenüber Kindern aus vielen Nationen ist die Casa Italia bis heute ein Ort geblieben, an dem die deutsch-italienische Kulturbeziehung bewusst gepflegt wird. Hier lebt die Erinnerung an eine erste große Einwanderungsgeschichte in der Bundesrepublik, an die Lebensrealitäten der sogenannten „Gastarbeitergeneration“ – nicht als museale Folklore, sondern als gelebtes Kulturerbe. Feste, Rituale, Literatur, Musik und das tägliche Miteinander tragen dazu bei, dass diese Brücke nicht nur erhalten bleibt, sondern immer wieder neu begangen wird – auch von Kindern, die selbst keine italienische Herkunft haben.

Gerade diese bewusste Balance zwischen Kontinuität und Öffnung macht die Casa Italia so besonders: Sie ist sowohl Lernort als auch Erinnerungsort, sowohl Kulturvermittlerin als auch Bildungsakteurin im Heute. In einer Stadt wie Köln – seit jeher geprägt durch Migration, Urbanität und Diversität – zeigt sich hier beispielhaft, wie pädagogische Institutionen gesellschaftlichen Wandel mitgestalten können, ohne dabei ihre Identität zu verlieren.

Vielfalt ist Alltag – und Haltung

Heute ist die Kita ein Raum gelebter Inklusion: Kinder mit und ohne Migrationsgeschichte, mit und ohne Behinderung, unterschiedlicher Religionen und familiärer Hintergründe lernen und wachsen hier gemeinsam auf. Diese Vielfalt ist kein Zusatzprogramm, sondern Grundprinzip. Die Arbeit der Casa Italia basiert auf der Überzeugung, dass eine solidarische Gesellschaft dort beginnt, wo jedes Kind so angenommen wird, wie es ist – mit all seinen Sprachen, Geschichten und Perspektiven.

Wenn wir auf sechs Jahrzehnte Casa Italia zurückblicken, dann sehen wir nicht nur die Entwicklung einer Einrichtung, sondern ein Stück gelebter Stadtgeschichte. Wir sehen, wie Bildungsorte zur sozialen Infrastruktur werden, wie pädagogische Praxis gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht – und wie aus einem Kita-Konzept ein Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit wird.

In einer Zeit, in der sprachliche und kulturelle Vielfalt politisch wieder vermehrt infrage gestellt wird, setzt die Casa Italia ein Zeichen: für Offenheit, für Respekt – und für die tiefe Überzeugung, dass Sprache nicht trennt, sondern verbindet.

 

Autoren: Maria Lamaina und Guido Geiss

 

 

Zum Tod von Papst Franziskus

Anlässlich des Todes von Papst Franziskus teilt die Caritas Köln ihre Gedanken in einem persönlichen Nachruf. Verfasst wurde er von Dr. Tim Schlotmann, Leiter des Stabsbereichs Seelsorge und Christliche Identität – ein Rückblick auf ein Pontifikat, das die Kirche verändert hat und uns als Caritas tief geprägt hat:

Er war in vielfacher Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Schon zu Beginn seines Dienstes wollten die Überraschungen nicht enden. Am Ende war er auch ein gutes Stück ausgezehrt. Und manche hätten wohl mehr von ihm erwartet. Für uns als Caritas aber war dieser Papst eine Art Patenonkel. Unsere Themen waren seine Themen. So viel Rückenwind von höchster Stelle hatte man nicht gekannt. Einen Papst mit einer solchen Street Credibility hat es vielleicht seit Petrus nicht mehr gegeben. Genau deshalb ist es nur verständlich, dass in diesen Tagen viele Menschen um Jorge Mario Bergoglio, den ersten Papst aus Argentinien, trauern. Am Ostermontag – vielleicht müsste man sagen: ausgerechnet an diesem Ostermontag – ist Papst Franziskus im Alter von 88 Jahren gestorben.

 

Bis zum letzten Atemzug hat er sich im Dienst verausgabt. Auch an diesem Ostern 2025 wollte er einer zerrütteten und von vielen kriegerischen Auseinandersetzungen gezeichneten Welt noch einmal seine Osterbotschaft mit auf den Weg geben. Vielleicht war dieses Osterfest auch noch sein letztes Ziel, nach einem wochenlangen Aufenthalt in der römischen Gemelli-Klinik. Wer ihn zuletzt sah, konnte ahnen, dass er nicht mehr ganz der Alte werden würde, der kraftstrotzende lächelnde Mann in weiß, der auf der Piazza di San Pietro die Kinder segnet und niemandes Nähe scheut. Die Tatsache, dass er sich zuletzt noch ein paar Mal im Rollstuhl (und in zivil) in den Petersdom fahren ließ, sagt dabei eine Menge über ihn aus. Bis zuletzt hat er sich unter den Menschen, den einfachen Menschen am wohlsten gefühlt. Er wollte weder vergeistigt über den Menschen schweben noch seine Kirche aus der sicheren Distanz des pompösen Apostolischen Palastes regieren. Schon nach seiner Wahl blieb er im Gästehaus wohnen, setzte sich beim Abendessen unter die Bediensteten, scherzte mit ihnen, hörte sich die Sorgen an. Wenn es ihm nötig erschien, griff Papst Franziskus spontan zum Telefon, rief Menschen zuhause an oder ließ sich auch schon einmal in eine italienische Live-Sendung zuschalten. Franziskus lebte das, was unmöglich erschien: Als Papst Seelsorger zu bleiben, den Machtapparat der Katholischen Kirche zu führen wie ein Dorfpfarrer seine kleine Gemeinde.

Im Hinblick auf vielerorts so sehnlichst erwartete Reformen ist manches auf der Strecke geblieben. In der Zerrissenheit weltkirchlicher Grabenkämpfe wollte er nicht allzu viel riskieren. So entstand zuweilen der Eindruck einer widersprüchlichen Persönlichkeit, den er durch manchmal allzu leicht daher gesagte Floskeln in existenziellen Themen noch verstärken sollte.

Doch eines kann man nicht leugnen: Er hat an den Mauern einer manchmal so verstaubten Institution gerüttelt. Er hat mit Traditionen und Gewohnheiten gebrochen. Er hat den zur Selbstgerechtigkeit neigenden Prälaten im Kirchenstaat den Spiegel vorgehalten. Vor allem aber: Er hat zentrale Themen, die in einer allzu sehr mit sich selbst beschäftigten Katholischen Kirche in Vergessenheit geraten waren, wieder ins Zentrum gerückt. Die Kirche von Papst Franziskus stand an der Seite der Bedrängten und Marginalisierten, der Obdachlosen und der Geflüchteten. Die Kirche von Papst Franziskus trat mutig, entschlossen und lautstark für den Klimaschutz und die Bewahrung der Schöpfung ein. Die Kirche von Papst Franziskus war eine dienende Kirche und mitten unter den Menschen, besonders den leidenden Menschen, hatte sie ihren vornehmlichen Platz. Die Kirche von Papst Franziskus war, ist und bleibt auch für uns als Caritas jene Kirche, die zu verwirklichen ist. Jetzt, da seine Stimme fehlen wird, braucht es womöglich noch stärker unseren besonderen Einsatz für diese zutiefst im Evangelium verankerten Anliegen.

Sicher wird schon in wenigen Tagen die bange Frage nach seiner Nachfolge die Schlagzeilen bestimmen. Zunächst aber dürfen wir uns verneigen, dürfen uns unseres gemeinsamen Anliegens für die Nächstenliebe vergewissern und im österlichen Glauben vielleicht schlicht sagen: Grazie, Papa Francesco!

Dr. Tim Schlotmann, Stab Seelsorge und Christliche Identität

 

Brücken bauen und Vielfalt leben: Meine Arbeit mit Menschen im Spektrum

Anlässlich des Welt-Autismus-Tages am 2. April hat Iwona Winterscheid aus dem Team des CariPrint-Lettershops aufgeschrieben, wie die Arbeit mit Menschen im Spektrum ihr Leben verändert. Bei CariPrint gibt es eine spezialisierte Arbeitsgruppe für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Diese Gruppe bietet Personen einen reizarmen Arbeitsplatz mit speziellen Anpassungen wie Schallschutzdecken und dimmbarem Licht.

Die Arbeit mit Menschen mit ASS ist mehr als nur ein Beruf – Sie ist eine bereichernde Leidenschaft

Wenn ich über meine Arbeit mit „Autisten“ spreche, höre ich oft immer wieder das Gleiche: „Die sind doch alle empathielos und haben keine Gefühle! Und die mögen keine Berührungen und können nicht gut kommunizieren. Außerdem brauchen die alle strikte Struktur, Wiederholung und Ordnung! Aber sind gleichzeitig so schlau, weil die doch alle diese Inselbegabungen haben!“ Doch im Umgang mit Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung (auch ASS oder „im Spektrum“ genannt) wurde mir sehr schnell klar: „Kennst du einen Autisten, kennst du EINEN Autisten!“

Jeder Mensch im Spektrum ist so vielfältig individuell wie jeder andere. Denn JEDER hat seine Art zu kommunizieren, hat seine Hobbies und Vorlieben, nicht nur Menschen im Spektrum. Um meine Arbeit zu verdeutlichen, habe ich mir eine Metapher zurechtgelegt:

„Menschen im Spektrum sind für mich wie ein unbekanntes Land, in das ich reise, ohne irgendwelche Kenntnisse von den dort vorherrschenden Gepflogenheiten, Regeln oder sogar der Sprache.“

Arbeit mit Menschen im Spektrum: Brücken bauen und Barrieren überwinden

Somit bin ich nicht nur „einfach Betreuerin“. Ich bin Reisende, Forscherin, Architektin, Dolmetscherin, Vertraute. Ich erforsche dieses „Land“, baue Brücken, er

lerne die „Sprache“ und unterstütze in der Kommunikation. Ich schaffe eine sichere Umgebung, um Barrieren zu überwinden für ein harmonisches Miteinander. Dabei habe ich gelernt, dass bei Menschen im Spektrum durchaus ein immenses Feingefühl für die Stimmung des Gegenübers und der Gruppe besteht und ein vielfältiges Gefühlsspektrum vorhanden ist. Dass Kontakte immens wichtig sind und die Kommunikation oft einfach nur „anders“ ist. Auch Menschen im Spektrum können flexibel sein, wenn sie ihre festen „Ankerpunkte“ haben. Mal ehrlich: Brauchen wir die nicht alle?

Durch diese „Reisen“ wurde mein eigenes Leben sehr bereichert. Denn sie zeigen mir, dass es oft nicht viele Worte braucht, um verstanden zu werden. Selbst die kleinste Veränderung in einer Routine kann alles bedeuten und man kann mit den einfachsten Mitteln Dankbarkeit zeigen. Ich bekomme eine absolut ehrliche Art der Wertschätzung. Außerdem habe ich gelernt, mich auch für kleinste Kleinigkeiten zu begeistern. Das Auswendigkönnen des Kölner Straßenbahnnetzes inklusive Abfahrtzeiten scheint zunächst sinnlos – doch wenn man, wie ich, auf diese angewiesen ist, freut man sich bei Unregelmäßigkeiten, jemanden in der Nähe zu wissen, der alternative Routen sofort aus dem Repertoire holen kann. Somit hat diese „Unsinnigkeit“ für mich und Andere plötzlich sehr viel Sinn.

Von der Norm lösen

Und Alternative ist hier das Stichwort: Ich habe alternative Wege zum Ziel in allen Bereichen kennengelernt und entdecke täglich mehr! Nur weil gesellschaftlich oft ein bestimmter Weg „die Norm“ ist, bedeutet es nicht, dass nicht auch andere Wege „nach Rom führen“. Denn am Ende zählt das Ergebnis. Somit kann ein Tagesplan dann auch mal aussehen wie ein Busplan.

Auch bei den Worten „Norm“ und „Ergebnis“ fallen mir sofort Erkenntnisse ein, die ich in meiner Arbeit mit den Menschen im Spektrum erlangt habe. Nur weil es die „Norm“ ist, ist es gleichzeitig auch gut? Nur weil ein Ergebnis vorgeschrieben ist, macht es MICH glücklich und ist deswegen erstrebenswert? Die Arbeit mit Menschen im Spektrum hat meinen Horizont auf viele Arten und Weisen erweitert. Ich gehe mit offeneren Augen durch die Welt, bin toleranter gegenüber „alternativen Lebenswelten“ und sehe Wege und Möglichkeiten, die mir früher verschlossen waren. All das durch meinen jahrelangen Umgang mit dieser „Behinderung“. Und dafür bin ich unendlich dankbar!

Erasmus-Projektgruppe zu Gast in Köln

Drei Tage lang war die internationale Gruppe des Europäischen Ehrenamts-Projekt „Gemeinsam engagiert“ in Köln zu Besuch, um sich intensiv mit der Frage zu beschäftigen: Wie können wir Menschen, die unter besonderen Belastungen stehen, für gesellschaftliches Engagement gewinnen? Denn: Engagement fördert Teilhabe – und wenn sich Vielfalt im Ehrenamt abbildet, bereichert das unsere Gesellschaft.

Unsere Caritas Köln Kolleginnen Simone Streif und Anna Breuer-Wirges organisierten ein tolles Programm für die Teilnehmenden von Caritas Österreich, SKM, Caritas im Erzbistum Köln, KVW Bildung und EMJA Ostbelgien.

 

Tag 1 unseres Erasmus-Projekts: Engagement & Teilhabe für alle! 

Zu den Menschen, die wir gezielt ansprechen möchten, gehören z. B. Geflüchtete, Menschen mit Suchterfahrungen, psychischen oder körperlichen Einschränkungen. Doch wie schaffen wir Zugangshürden ab? Welche Rahmenbedingungen braucht es?

Inspiration fanden wir im Efa-Projekt des SKM, das Ehrenamt gezielt für belastete Menschen öffnet.  Anschließend besuchten wir das DeFlo in Nippes, ein Projekt für Menschen mit Brüchen und Suchterkrankung. Unter einem Dach befinden sich betreutes Wohnen, Beschäftigung in einer Schreinerei und als Angebot für das gesamte Veedl ein Café, ein Möbelhaus und ein Second-Hand-Shop. Ohne Ehrenamt wäre das nicht möglich!

Ein spannender, erkenntnisreicher Tag, der uns gezeigt hat: Engagement ist eine Brücke zur gesellschaftlichen Teilhabe!

Was es dafür braucht, ist eine ausreichende Finanzierung, um eine gute Begleitung der Ehrenamtlichen zu ermöglichen!

 

 Tag 2: Wie inklusiv ist unser Engagement? 

Heute haben wir den Blick nach innen gerichtet: Wie sehr öffnen wir als Organisationen unser Ehrenamt für Menschen mit besonderen Belastungen? Gemeinsam haben wir analysiert, diskutiert und Ideen entwickelt, um noch mehr Zugänge zu schaffen.

Besonders spannend war unser Besuch im sozialpsychiatrischen Zentrum der Caritas Köln, wo wir mit Ehrenamtlichen ins Gespräch kamen, die selbst psychische Herausforderungen meistern. Ihre Geschichten haben uns tief beeindruckt: Wenn das Ehrenamt zu ihnen passt, sind sie oft über Jahre mit Herz und Zuverlässigkeit dabei.

Sie sprachen alle davon,

– wie sehr das Engagement sie bereichert und

– wie wichtig es für sie ist, mit „normalen“ Menschen gemeinsam ehrenamtlich im Hühnerstall des SPZ, beim wöchentlichen Müllsammeln oder der Pflege des Bücherschranks in der Südstadt zusammen zu kommen.

 

 

 

 

 

 

Zum krönenden Abschluss gab es eine Stadtführung und ein gemütliches Beisammensein im Brauhaus. Denn zum vollen Köln-Erlebnis gehören natürlich auch Brauchtum & Kulinarik!

Wir nehmen aus diesen Tagen wertvolle Erkenntnisse mit: Ehrenamt braucht Offenheit – und Offenheit schafft neue Möglichkeiten!

Tag 3: Wie geht’s weiter?

Heute haben wir unseren Blick in die Zukunft gerichtet: Was machen wir aus den gesammelten Erfahrungen und Ideen zu inklusivem Engagement?

Ein zentrales Ziel unseres Erasmus-Projekts ist es, Eckpunkte für inklusives Engagement zu erarbeiten. Gemeinsam mit unseren Kolleg*innen vom DiCV und SKM werden wir die Ergebnisse des Workshops zunächst unseren Kooperationspartner*innen aus dem Austausch vorstellen und sie dann in unseren Einrichtungen mit Leben füllen.

Als perfekte Überleitung zum nächsten Themenschwerpunkt „Nachbarschaftshilfe“, den wir im Juni in Graz vertiefen werden, haben wir die Kölsch Hätz Nachbarschaftshilfen vorgestellt. Sie organisieren im Veedel Nachbarschaftshilfe, um gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen – ein wunderbares Beispiel dafür, wie Engagement Brücken baut.

In der abschließenden Feedbackrunde wurde übrigens unsere Geschäftsstelle als „schönster Tagungsort Kölns“ gelobt – und das fantastische Essen, mit dem uns die Ehrenfelder Hauswirtschaft und das Café Querbeet versorgt haben, ebenfalls. Ein herzliches Dankeschön dafür!

Unser Fazit: Aus den intensiven Diskussionen und Begegnungen ziehen wir viele wertvolle Impulse: Nur durch eine offene und inklusive Haltung kann gesellschaftliches Engagement nachhaltig gefördert werden. 

Das Jugendcafe Bugs stellt sich vor

„Das Jugendcafe Bugs – eine Insel für junge Menschen –

Das Jugendcafé Bugs der Caritas Köln ist ein Treffpunkt für junge Menschen zwischen 14 und 24 Jahren in der Kölner Innenstadt. Für alle Besucher*innen haben die pädagogischen Mitarbeiter*innen ein offenes Ohr. Beziehungsarbeit, Hilfe bei der Arbeitsmarktintegration sowie bedarfsorientiere Weitervermittlung an entsprechende Fachdienste sind fester Bestandteil dieses Angebots. Im „Bugs“ finden junge Menschen einen geschützten Ort zum Erwachsenwerden und konkrete Hilfestellungen bei Problemen.

Wir haben mit der Einrichtungsleitung Sarah Hannappel über das Besondere der offenen Jugendarbeit im Cafe Bugs gesprochen.

Was ist das Besondere am Jugendcafé BUGS? Welche besonderen Angebote gibt es im „BUGS“?

Das BUGS Jugendcafé ist ein sicherer und offener Raum im Herzen von Köln für Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 24 Jahren. Die Räumlichkeiten sind zwar klein, aber gemütlich und wurden kürzlich renoviert, sodass eine einladende Café-Atmosphäre entstanden ist, die zum Verweilen einlädt. Die zentrale Lage mitten in der Innenstadt ist gut erreichbar und lockt Besucher*innen aus allen Stadtteilen an. Besonders ist auch die Vielfalt der Angebote, die genau auf die Bedürfnisse unserer jungen Besuchenden zugeschnitten sind: Ein Teammitglied, das Gebärdensprache spricht, ermöglicht auch gehörlosen Jugendlichen einen Zugang zu den Angeboten und der Gemeinschaft. Unsere Freizeitangebote umfassen u. a. Billard, Kicker, Gesellschaftsspiele, gemeinsames Musizieren, Gaming und Kochabende. Spezielle Events wie der Mädchentag und der Jungs-Abend geben Jugendlichen Raum für geschlechterdifferenzierte Themen und Aktivitäten. In regelmäßigen Abständen veranstalten wir musikalische Jam-Sessions und kleine Konzerte, bei den die Jugendliche die Möglichkeit erhalten, musikalisch aufzutreten. Besonders wichtig sind für uns Ausflüge und mehrtägige Fahrten, die den Jugendlichen unvergessliche Erlebnisse und die Chance zur Entfaltung bieten.

Wer kommt ins BUGS? 

Zu uns kommen Jugendliche und junge Erwachsene aus den verschiedensten Lebenssituationen, häufig mit sehr unterschiedlichen Herausforderungen. Viele unserer Besucher*innen sind psychosoziale belastet, was insbesondere seit der Corona-Pandemie stark zugenommen hat. Ein großer Teil hat Fluchtbiografien, andere kommen aus schwierigen familiären Verhältnissen oder leben mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Hinzu kommen oft Erfahrungen von Rassismus und Diskriminierung. Wir sind stolz darauf, ein Ort zu sein, an dem sie all diese Themen in einem vertrauensvollen Rahmen besprechen und Unterstützung finden können.

Warum ist dieses Angebot der offenen Jugendarbeit so wichtig?

Die offene Kinder- und Jugendarbeit im BUGS Jugendcafé bietet Jugendlichen die Möglichkeit, einen Raum zu finden, in dem sie verstanden werden und sich angenommen fühlen. Ein wesentlicher Aspekt ist die Niedrigschwelligkeit unseres Angebots: Alles ist freiwillig und kostenlos, was besonders wichtig ist, damit alle jungen Menschen Zugang haben – unabhängig von ihrer finanziellen oder sozialen Situation. Die Jugendlichen können zu uns kommen und gehen, wann sie möchten, ohne sich an feste Zeiten oder Verpflichtungen halten zu müssen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Partizipation der Jugendlichen. Sie gestalten das Jugendcafé aktiv mit und entscheiden in hohem Maße mit, welche Angebote stattfinden und wie der Raum genutzt wird – das BUGS Jugendcafé ist ihr Raum. Diese Mitbestimmung stärkt das Gefühl von Eigenverantwortung und Zugehörigkeit und gibt ihnen die Freiheit, das Café nach ihren eigenen Interessen und Bedürfnissen zu formen. Gerade junge Menschen mit komplexen Lebenssituationen profitieren von einem Ort, an dem sie Krisen gemeinsam bewältigen und die Jugend positiv erleben können, ohne sich für ihre Hintergründe rechtfertigen zu müssen. Die steigenden psychosozialen Belastungen zeigen, wie wichtig ein stabiler und sicherer Rückzugsort ist, der auch langfristige Beziehungen und Erlebnisse ermöglicht.

Wie kann die Einrichtung dazu beitragen die Lebenswege der jungen Menschen positiv zu beeinflussen?

Im BUGS Jugendcafé arbeiten wir sehr beziehungsorientiert. Durch stabile, vertrauensvolle Beziehungen, die auf gegenseitigem Respekt beruhen, können die Jugendlichen sich öffnen und in Krisensituationen wertvolle Unterstützung erhalten. Unser Team vermittelt sie bei Bedarf auch an geeignete Hilfestellen und begleitet sie möglichst auf diesem Weg, um sicherzustellen, dass sie an die passende Unterstützung angebunden sind.

Ein großer Mehrwert entsteht zudem durch die sozialen Kontakte, die sich hier entwickeln: Freundschaften entstehen, die den Jugendlichen Halt geben, und auch Konflikte bieten Lernmöglichkeiten, um gemeinsam mit anderen Lösungen zu finden. Die Freizeitangebote, die gemeinsamen Aktivitäten und Gespräche stärken nicht nur ihr Selbstwertgefühl, sondern helfen ihnen auch, ihre sozialen Fähigkeiten auszubauen. Wir unterstützen sie dabei, ihre eigenen Ressourcen zu entdecken, und helfen ihnen, Perspektiven für ihre Zukunft zu entwickeln – sei es in Ausbildung, Job oder in persönlichen Projekten.

Welche Möglichkeiten bieten die Angebot im BUGS, Integration von geflüchteten Jugendlichen zu fördern?

Im BUGS Jugendcafé schaffen wir einen offenen, sicheren Raum, in dem geflüchtete Jugendliche die Möglichkeit haben, sich zu integrieren und soziale

Kontakte zu knüpfen. Viele unserer Besuchenden haben traumatische Erfahrungen in ihren Herkunftsländern und während ihrer Flucht gemacht, was ihre Integration in die deutsche Gesellschaft erschwert.

Um diesen Jugendlichen die Unterstützung zu bieten, die sie benötigen, arbeiten wir eng mit dem Fachdienst Integration und Migration der Caritas zusammen. Regelmäßig begleiten Fachkräfte aus diesem Bereich den Öffnungsbetrieb des Jugendcafés, um Clearing-Beratungen anzubieten. Diese unmittelbare Verfügbarkeit ermöglicht es den Jugendlichen, ohne Hürden Fragen zu klären, Informationen zu erhalten und bei Bedarf weitere Beratungstermine in Anspruch zu nehmen.

Ein zentraler Bestandteil unseres Angebots ist die Möglichkeit, in einem vertrauensvollen Rahmen über persönliche und sensible Themen zu sprechen. Jugendliche haben die Gelegenheit, über ihre Identitätsfindung, Geschlechterrollen und die Herausforderungen, die Diskriminierung mit sich bringt, offen zu diskutieren. Diese Gespräche fördern nicht nur die Reflexion, sondern tragen auch dazu bei, eine respektvolle Diskussionskultur zu etablieren, in der alle Stimmen gehört werden.

Darüber hinaus spielt Sport eine wichtige Rolle in unserem Café. Viele Jugendliche nutzen sportliche Aktivitäten, die wir außerhalb des Jugendcafés anbieten, als Ventil für psychischen Stress und als Gelegenheit, ihre sozialen Fähigkeiten zu stärken. Bei Angeboten wie dem offenen Fußballspiel fördern wir nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch den sozialen Austausch und das Gemeinschaftsgefühl. Hier lernen die Jugendlichen, miteinander zu kommunizieren, Teamarbeit zu schätzen und Konflikte konstruktiv zu lösen.

Insgesamt zielt unser Ansatz darauf ab, geflüchtete Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen und ihnen die Möglichkeit zu geben, als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft zu wachsen. Durch die Bereitstellung von Ressourcen, Informationen und einem sicheren Raum helfen wir ihnen, ihre Herausforderungen zu bewältigen und Perspektiven für ihre Zukunft zu entwickeln.

Gibt es eine besondere Erfolgsgeschichte? Welches Schicksal/ Geschichte ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Eine Geschichte, die uns sehr berührt hat, ist die eines jungen Geflüchteten, der bei uns Halt fand, nachdem er allein nach Deutschland gekommen war. Anfangs sehr schüchtern und zurückgezogen, begann er nach und nach, die Angebote aktiv zu nutzen. Über die Zeit hat er sich durch die Beziehungsarbeit bei uns so weit öffnen können, dass er Freundschaften geknüpft und Deutsch gelernt hat. Er schloss eine Ausbildung erfolgreich ab und kommt noch heute als Mentor für andere Jugendliche ins BUGS Jugendcafé zurück. Solche Geschichten zeigen uns, wie viel Kraft im gemeinsamen Engagement steckt.

Die Zukunft des BUGS – wie geht es weiter?

Für die Zukunft wünschen wir uns, dass das BUGS Jugendcafé ein stabiler Ort der Sicherheit und Unterstützung für alle Jugendlichen bleibt, die zu uns kommen. Wir sind entschlossen, weiterhin laut zu sein – sowohl bei drohenden Haushaltskürzungen als auch bei politischen Strömungen, die unsere vielfältigen Werte angreifen. Die Bedeutung der offenen Jugendarbeit ist enorm, und wir setzen uns aktiv dafür ein, dass die Stimmen der Jugendlichen gehört werden.

Sollte es uns gelingen, unser Angebot langfristig zu sichern, träumen wir davon, unsere Aktivitäten weiter auszubauen. Unsere räumlichen Kapazitäten sind begrenzt, da das Jugendcafé lediglich aus einem länglichen Raum besteht. Ein zusätzlicher Raum für Musikprojekte sowie ein Außengelände mit Sportmöglichkeiten wären hervorragende Erweiterungen, die den Jugendlichen mehr Freiräume für kreative und sportliche Aktivitäten bieten.

Ein zentraler Aspekt unserer zukünftigen Angebote wird die Bedeutung von Fahrten und erlebnispädagogischen Aktivitäten sein. Solche Ausflüge fördern nicht nur den Teamgeist und die sozialen Fähigkeiten, sondern bieten den Jugendlichen auch die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu sammeln, ihre Perspektiven zu erweitern und sich in einem anderen Umfeld auszuprobieren. Zukünftig möchten wir noch mehr solcher Aktivitäten anbieten, um den jungen Menschen unvergessliche Erlebnisse zu ermöglichen und ihre persönliche Entwicklung zu unterstützen. Diese Erfahrungen sind entscheidend, um Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufzubauen und die Selbstwirksamkeit zu fördern.

Der Haushaltsentwurf 2025 der NRW-Landesregierung sieht Kürzungen bei zahlreichen sozialen Diensten und Angeboten in Höhe von 83 Millionen Euro vor. Sollten die Kürzungen umgesetzt werden, wird das für viele Menschen in unserem Land sichtbare und spürbare Folgen haben – vielleicht auch für die Jugendlichen des Cafe BUGS;  Schließung von speziellen Angeboten wären dann die Folgen.

Die Räumlichkeiten des Cafe Bugs können außerhalb der BUGS-Öffnungszeiten für Ihre Veranstaltung angemietet werden: Caritasverband für die Stadt Köln e.V. | Bugs Jugendcafe

Claudia Schedlich zu Gast beim Parlamentarischen Frühstück

Fotonachweis BAGFW/Martin Dziuba

Claudia Schedlich, Leiterin unseres Caritas-Therapiezentrums für Menschen nach Folter und Flucht, war in der vergangenen Woche auf Einladung des Deutschen Caritasverbandes (DCV) eine von bundesweit drei Vertreter*innen der Psychosozialen Zentren (PSZ) beim Parlamentarischen Frühstück in Berlin, an dem auch sechs Mitglieder des Bundestages teilnahmen. Gemeinsam mit der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) und der Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) stellten sie die gesellschaftspolitisch relevanten Aufgaben der PSZs und deren prekäre finanzielle Lage dar. Denn: Im aktuellen Haushaltsentwurf ist eine Kürzung um 6 Millionen Euro vorgesehen. Diese Unterfinanzierung gefährdet nicht nur die Versorgung der Geflüchteten, sondern auch die Strukturen der PSZ selbst: Insolvenzen und der Verlust von Fachkräften sind die unausweichliche Folge, wenn nicht rasch gehandelt wird.

 

„Die Psychosozialen Zentren leisten unverzichtbare Arbeit“, betonte Lukas Welz, Geschäftsleitung der BAfF. „Sie bieten ganzheitliche Unterstützung – von psychotherapeutischer Behandlung über Sozialberatung bis hin zur Rechtsberatung. Diese Angebote sind entscheidend für die psychosoziale Gesundheit und die Teilhabe von Schutzsuchenden, sei es im Sozialraum oder am Arbeitsmarkt. Die Psychosozialen Zentren sind oft der einzige Ort, an dem Menschen, die Folter, Krieg und andere schwere Menschenrechtsverletzungen erlitten haben, die Möglichkeit haben, ihre traumatisierenden Erfahrungen zu bearbeiten.“

Fotonachweis BAGFW/Martin Dziuba

„Etwa ein Drittel der nach Deutschland geflüchteten Menschen leidet aufgrund des Erlebten an psychischen Erkrankungen wie posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen oder Angstzuständen“, erklärte Schedlich. „Es war mir wichtig, den Mitgliedern des Bundestages einen Eindruck unserer praktischen Arbeit zu vermitteln und für die Bedarfe und die integrativen Prozesse zu sensibilisieren“, erklärte Schedlich. „Wir müssen deutlich machen, welche dramatischen Folgen und Folgeprobleme man mit Kürzungen auslöst“, so Schedlich.

„Unser Caritas-Therapiezentrum ist für Geflüchtete ein geschützter Ort, an dem sie zumindest beginnen können, ihr Trauma aufzuarbeiten, wo Schutz finden und wieder Perspektiven erkennen. Die aktuell geplanten Kürzungen der Bundesregierung belasten nicht nur die Betroffenen, sondern führen auch zu hohen Folgekosten für Bund, Länder und Kommunen. An der Seite anderer Spitzenverbände setzen wir uns als Caritas Köln daher für eine nachhaltige Finanzierung der PSZ ein. Es darf keine finanzielle Unterversorgung dieser so wichtigen Angebote geben“, erklärt Markus Peters, Vorstandssprecher der Caritas Köln, angesichts der aktuellen Haushaltsdiskussion.

Fotonachweis BAGFW/Martin Dziuba

 

Weitere Informationen

Mit Blick auf den Bundeshaushalt für 2025 fordern BAGFW und BAfF eine nachhaltige, bedarfsdeckende Finanzierung. Es brauche derzeit mindestens 27 Millionen Euro aus Bundesmitteln, um die PSZ flächendeckend weiterführen zu können. Im aktuellen Haushaltsentwurf ist jedoch eine Kürzung um 6 Millionen Euro vorgesehen, sodass für das Bundesprogramm nur noch 7,13 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Diese Unterfinanzierung gefährdet nicht nur die Versorgung der Geflüchteten, sondern auch die Strukturen der PSZ selbst: Insolvenzen und der Verlust von Fachkräften seien unausweichlich, wenn nicht rasch gehandelt wird.

Die finanzielle Lage der PSZ hat sich im Jahr 2024 verschlechtert. „Nach dem Erhalt zusätzlicher Bundesmittel in 2022 und 2023, mussten wir in 2024 aufgrund massiver Kürzungen viele Angebote wieder einschränken“, erklärt Nadja Saborowski, stellvertretende Bereichsleitung Jugend- und Wohlfahrtspflege des DRK für die BAGFW. „Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Unterstützung unserer Klient*innen.“

Ein bisschen Frieden…

Unser Kollege Tim Westerholt hat sein Büro im Caritas-Zentrum Kalk und leitet den Leistungsbereich Integration und Beratung. Hier erhalten geflüchtete Menschen, die in Deutschland ankommen, Unterstützung: Im Asylverfahren, beim Deutsch lernen, beim Arbeits-, Schul- und Kitaplätze finden, beim Wohnen und in vielen weiteren Bereichen der Integration… Deutschland kennt viele Gesetze und kann gerade am Anfang sehr kompliziert sein. Die Beratungsdienste der Caritas bieten direkte Hilfestellungen: das Beratungsangebot ist freiwillig, kostenlos und immer vertraulich. Tim Westerholt weiß, hinter jeder Flucht steckt ein individuelles Schicksal. So auch das von Farhad … 

Farhad U. ist 2021 aus Afghanistan geflohen. Als ehemaliger Mitarbeitender eines Subunternehmens, dass Transporte für die westlichen Militärs durchführte, blieb ihm nach deren überhasteten Rückzug und der folgenden Machtübernahme der Taliban nichts anderes übrig.

„Friede beginnt bei mir“, liest er an unserer Beratungstür und muss müde lächeln. Ich kann ihn verstehen. Wo liegt der soziale Frieden für Farhad? In den schlaflosen Nächten, voller Sorge um seine Kinder und Ehefrau, die papierlos und diskriminiert im afghanischen Nachbarland Iran leben müssen? In der Sorge, dass sein nun anderthalb Jahre andauerndes Asylverfahren vielleicht keinen guten Ausgang nehmen wird? In der Ohnmacht, nun bald drei Jahre der Lebenszeit seiner heute nicht mehr ganz so kleinen Kinder verpasst zu haben? Oder im gesellschaftlichen Druck, den er hier verspürt, weil er mitbekommen hat, dass Deutschland Geflüchteten verbieten möchte, Geld ins Ausland zu überweisen und Europa gleichzeitig seine Grenzzäune noch höher ziehen will und der deutsche Kanzler gleichzeitig davon spricht, Geflüchtete konsequent nach Afghanistan abschieben zu wollen?

Farhad erhält hier monatlich 204,00 Euro. Ja, seine Flüchtlingsunterkunft wird noch dazu finanziert und die Summe gilt als sein „persönlicher Bedarf“. 50,00 Euro überweist er hiervon jedoch monatlich an seine Familie. Weitere 50,00 Euro gehen an seinen Anwalt, der ihn im Asylverfahren unterstützt. Es bleiben ihm monatlich 104 Euro – für alles. Er redet mittlerweile nicht mehr gerne darüber, dass er seine Frau und Kinder unterstützt. Er hat das Gefühl, dies sei hier nicht gewünscht, ja, fast schon illegal.

Es gibt nur wenig friedliche Ufer auf dem sehr unruhigen Ozean von Farhads Gefühlswelt. Wenn es ihm gelingt, die Sorge um seine Familie beiseitezuschieben, so erinnern ihn die Frustration, von den NATO-Verbündeten im Stich gelassen worden zu sein, sowie die nicht verarbeiteten und traumatischen gewaltsamen Erlebnisse in Afghanistan wie an den europäischen Außengrenzen, an seine eigene innere Verwundung.

Und dennoch ist die Flüchtlingsberatung der Caritas für ihn ein Ort des seltenen Friedens.

Einer der wenigen Orte, an dem er nicht mehr misstrauisch sein muss, weil auch ihm dort nicht misstraut wird. Die inneren und äußeren Herausforderungen Farhads sind gewaltig und kaum nachzufühlen. Vielleicht sind es gerade die kleinen und wenigen Selbstverständlichkeiten, die ihn immer wieder die Beratung aufsuchen lassen: Eine zugewandte, menschliche Haltung, spürbare Parteilichkeit und unentgeltliche Hilfsbereitschaft, Empathie und ein unaufgeregtes Auffangen und Sortieren. Farhad hat begriffen, dass sozialarbeiterische Flüchtlingsberatung keine Gesetze verändern kann, keine nationalen Grenzen niederreißt und auch keine Gewähr für ein positives Asylverfahren bietet. Schön wär‘s. Aber sie ist eine Mitstreiterin und steht auf seiner Seite – nur deswegen kann sich Farhad hier öffnen. Es gibt keinen anderen Ort für ihn in Köln, wo das so ist.

Die Caritas Beratungsdienste für Eingewanderte und Geflüchtete stiften Frieden – auch denen gegenüber, die bereits in Deutschland leben. Mitten im Veedel, ob in Porz, Kalk, Meschenich, Chorweiler, also dort, wo Menschen mit Flucht- und Einwanderungsgeschichte oftmals als erstes landen, moderieren und vernetzen sie. Sie bringen Menschen in Kontakt fördern Verständnis füreinander und wirken so Hass und Ausgrenzung entgegen.

Und auch Farhad stiftet Frieden. Er hat wirklich gute Gründe für Wut und Verzweiflung und dennoch gibt es kaum jemanden, der sich mehr Frieden wünscht. Ein Viertel seines sehr geringen Einkommens fließt jeden Monat zu seiner Familie. Er versteht vieles nicht, was die Menschen heute über Geflüchtete sagen und trotzdem findet er immer noch, dass Deutschland ein gutes Land ist. Unsere Beratung hilft ein kleines bisschen dabei, dass er das auch morgen noch sagen kann. Eine humane Flüchtlingspolitik in Deutschland kann sie alleine nicht erzeugen. Dafür müssen wir alle zusammen sorgen.

Autor: Tim Westerholt

Die Lage ist ernst: Freie Wohlfahrtspflege in Gefahr

In den letzten Wochen hat der Deutsche Caritasverband auf verschiedenen Kanälen die Teilnahme an einer Umfrage der Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege (BAG FW) beworben.

Die Ergebnisse beschreiben, wie leider erwartbar, eine ernste Lage:

  1. Knapp zwei Drittel der Einrichtungen und Organisationen der Freien Wohlfahrtspflege mussten aufgrund finanzieller Schwierigkeiten in den vergangenen beiden Jahren ihre Angebote einschränken oder ganz einstellen.
  2. Mehr als drei Viertel der Befragten rechnen damit, ihre Angebote auch 2025 weiter zurückfahren zu müssen.
  3. Mehr als 70 Prozent der Einrichtungen und Organisation befürchten, dass sich die Reduzierung der Angebote negativ auf demokratisches Engagement vor Ort auswirken wird.

Zur Pressemitteilung :https://www.bagfw.de/veroeffentlichungen/pressemitteilungen/detail/angebote-von-wohlfahrtsverbaenden-mussten-vielfach-schon-eingeschraenkt-oder-ganz-eingestellt-werden

Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa äußert sich dazu wie folgt:

„Kitas und Sozialstationen, Schuldnerberatungsstellen und Familienzentren – mit diesen Angeboten spannt die Freie Wohlfahrtspflege im sozialen Nahraum ein Netz, das trägt. Es trägt Menschen, die von Schicksalsschlägen gebeutelt sind, die arm sind, krank oder einsam. Einsparungen in Stadt, Land und Bund reißen Löcher in dieses Netz. Da wo die Kürzungen digitale Angebote wie die Online-Beratung betreffen, werden neben der analogen Nachbarschaft auch virtuelle Begegnungsräume zerstört. Wir alle spüren, wie groß die Herausforderungen auf allen Ebenen – nicht nur im Bereich des Bundeshaushaltes  – sind. Gerade auch in den Landes- und Kommunalhaushalten werden Einsparungen vorgenommen. Umso wichtiger sind unsere gemeinsamen Anstrengungen. Im föderalen Staat gilt beides: die Schuldenlast entsteht auf allen Ebenen und die Sicherung der sozialen Infrastruktur ist ein Gemeinschaftsprojekt.“

Jahresempfang der Fachverbände „Frieden beginnt bei mir.“

Am  24. Mai haben der Caritasverband Köln und die Fachverbände IN VIA Köln, KJA Köln, Malteser Köln, SkF Köln und SKM Köln Vertreter*innen aus Politik und Verwaltung, Kirche und Stadtgesellschaft zum jährlichen Jahresempfang in den Garten der Religionen von IN VIA Köln (Stolzestr. 1a, 50674 Köln) eingeladen.

Wie wertvoll und wichtig die Arbeit der Caritas Köln und der Fachverbände ist und wie sie mit ihren zahlreichen Projekten und Angeboten Frieden stiften und soziale Gerechtigkeit schaffen, erläuterten Stadtdechant Msgr. Kleine, Andrea Redding als Vorstandssprecherin IN VIA Köln und Bürgermeister Dr. Ralf Heinen. Die Rede zum Schwerpunktthema hielt Vorstandssprecher der Caritas Köln Peter Krücker.

 

Sehr geehrter Monsignore Kleine, sehr geehrter Herr Bürgermeister Dr. Ralf Heinen, liebe Geschäftsführende und Vorstände der Caritas-Fachverbände, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

auch ich möchte Sie und Euch ganz herzlich zum diesjährigen Jahresempfang der Kölner Caritas und ihrer Fachverbände SKM, SkF, IN VIA, KJA und Malteser Hilfsdienst begrüßen.

Wir feiern unseren Jahresempfang auch dieses Jahr traditionell im Garten der Religionen. Das Streben nach Frieden steht im Zentrum aller Weltreligionen. Wir befinden uns also heute an einem ausdrücklich friedvollen Ort. „Frieden beginnt bei mir“ lautet auch die Botschaft der diesjährigen Jahreskampagne des Deutschen Caritasverbandes.

Beim Thema Frieden empfinde ich eine tiefe persönliche Verbundenheit. Die Arbeit für Frieden in der Gesellschaft und in der Welt ist für mich in meinem beruflichen und privaten Leben immer wegweisend gewesen: Ende der 1950er Jahre geboren, wurde ich vor allem durch die Friedensbewegung politisch sozialisiert. Den Wehrdienst habe ich aus fester Überzeugung verweigert und war zudem über Jahre ehrenamtlich als Berater und Beisitzer für Kriegsdienstverweigerer engagiert. Anstelle des Wehrdienstes habe ich Zivildienst – oder soll ich besser sagen Friedensdienst – an einer Schule für geistig Behinderte der Stadt Köln geleistet. Die positiven Erfahrungen meines zivilen Dienstes am Menschen waren entscheidend für meinen weiteren Lebensweg. Wollte ich nach meiner Ausbildung und dem Fachabitur ursprünglich noch Design studieren, so habe ich mich letztlich für ein Studium der Sozialen Arbeit entschieden. Ohne meine Friedensüberzeugung würde ich wahrscheinlich hier heute nicht stehen.

Frieden beginnt bei mir: Was tut die Caritas vor Ort für den Frieden?

Als Caritas teilen wir die Vorstellung einer offenen, demokratischen, rechtsstaatlichen und solidarischen Gesellschaft, in der jeder Mensch ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben hat. Wir sehen unsere Aufgabe darin, den Menschen unabhängig von Herkunft, Status, Geschlecht, sexueller Identität, Alter, Leistung, Religion oder anderer Merkmale mit Liebe und Achtung zu begegnen. Immer und überall.

Damit positionieren wir uns ausdrücklich gegen alle populistischen, nationalistischen, rassistischen und anti-demokratischen Strömungen, die die Spaltung und Verunsicherung der Gesellschaft vorantreiben und das friedliche Zusammenleben gefährden.

Frieden wird aber auch in unserer täglichen Arbeit vor Ort in Köln erfahrbar: Nämlich dann, wenn wir Vorurteile überwinden, uns für demokratische Werte und Gerechtigkeit einsetzen, den Dialog mit Menschen suchen, ihnen Ängste nehmen und Brücken bauen. Wir zeigen auf, dass es auch für schwierige Problemlagen immer Lösungen gibt und dass diese Wege nicht darin bestehen, andere als Sündenbock zu verurteilen oder Hass zu schüren.

Mit unserer Arbeit sind wir nah bei den hilfesuchenden Menschen und ihren Nöten.

Wir können dabei helfen, dass soziale Problemlagen überwunden werden. Die Problemlagen im Kölner Stadtgebiet sind vielfältig, komplex und miteinander verschränkt. Im Verbund der Caritas und seiner Fachverbände sind wir in der Lage, diesen Herausforderungen mit sozialer Arbeit angemessen zu begegnen.

Ich möchte Ihnen ausgewählte Beispiele für unsere Zielgruppen und Tätigkeitsschwerpunkte vorstellen:

  • Beginnen wir mit dem SKM, der mit der Arche für Obdachlose in Mülheim eine komplett Spenden-finanzierte Pop-Up-Kontakt- und Beratungsstelle für arme Menschen betreibt. Die Arche ist ein Anlaufpunkt für wohnungslose Menschen – und zwar unabhängig von etwaiger Leistungsberechtigung – am Bergischen Ring in unmittelbarer Nähe zum Wiener Platz. Hier erhalten Menschen ein warmes Mittagessen, können duschen, eine Kleiderkammer nutzen und genießen kostenlose ärztliche Betreuung. Die Arche für Obdachlose befriedet damit auch aktiv das Umfeld am Wiener Platz.
  • Von Mülheim geht es in den Norden von Chorweiler: Bei dem Familienhaus in Chorweiler-Nord des SkF handelt es sich um ein niedrigschwellig zugängliches Angebot für Familien mitten im Sozialraum.

Im Mittelpunkt stehen Familien, die bei der Bewältigung von Erziehungsaufgaben gefördert werden. Familienhäuser zeichnen sich durch einen infrastrukturell angelegten Zugang zu unbürokratischen und frühzeitigen Unterstützungsangeboten aus. In diesem Umfeld treffen Kölner Familien aus unterschiedlichen Kulturen aufeinander, Eltern und Kinder erfahren lebensnahe Unterstützung. Das Lernen über- und voneinander und die Erfahrung von Unterstützung schaffen hier die Basis für ein friedvolles Miteinander. Innerhalb von Familien – aber auch darüber hinaus in unserer Gesamtgesellschaft!

  • Die Radstation von IN VIA. Hierüber wird Langzeitarbeitslosen die Möglichkeit geboten, wieder am Erwerbsleben teilzunehmen, ihrer Ausgrenzung wird aktiv begegnet. Zugleich wird durch die Angebote Fahrradparken, Fahrradverleih und Werkstatt ein Beitrag dazu geleistet, dass Köln fahrradfreundlicher und damit auch klimafreundlicher wird. Ganz gemäß dem Motto der letztjährigen Jahreskampagne der Caritas: „Für Klimaschutz, der allen nutzt!“. Ohne sozial gerechten Klimaschutz keine soziale Sicherheit und damit kein sozialer Frieden!
  • In den Jugendbüros der KJA wird arbeitslosen oder von Arbeitslosigkeit bedrohten jungen Menschen Unterstützung bei der Suche nach Ausbildung oder Arbeit geboten. Ziele ihrer Arbeit sind die schulische, persönliche und soziale Stabilisierung sowie die langfristige Eingliederung in Arbeit, Beruf und Gesellschaft. Es wird hier also der Grundstein dafür gelegt, ein Teil unserer Gesellschaft zu werden und zu bleiben. Sich selbst als Teil der Gesellschaft zu erleben, ist ein wichtiger Baustein für unser friedliches Zusammenleben!
  • Werfen wir einen Blick auf eine besondere Zielgruppe, die Gruppe von Menschen ohne Krankenversicherung. Komplett über Stiftungsgelder und Spenden finanziert übernimmt die MMM, also die „Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung“, seit 19 Jahren in Köln die Betreuung dieser Zielgruppe. Jeder bekommt dort die medizinische Behandlung, die gebraucht wird. Unabhängig von Krankenversicherung oder Kosten.

Diese medizinische Grundversorgung unterstützt bei der Heilung von Krankheiten, begegnet Behinderungen und arbeitet aktiv an der Verwirklichung der Menschenwürde dieser Menschen. Allein im Jahr 2023 wurden dort insgesamt 2.387 Behandlungen durchgeführt.

  • In der Erziehungsberatung des Caritasverbands werden Familien begleitet und beraten, die ihre familiären Krisen nicht ohne Hilfe bewältigen können. Starke familiäre Konflikte vor allem in Bezug auf Eltern und ihre Kinder in Trennungssituationen werden bearbeitet, manchmal sogar gelöst, damit Kinder in Frieden aufwachsen können – auch wenn Eltern streiten.

Sie sehen: Unser Verbund trägt im gesamten Stadtgebiet in vielfältiger Weise zur Befriedung gesellschaftlicher Problemlagen und Herausforderungen bei. In unsicheren und verunsichernden Zeiten zeichnet uns dabei insbesondere Verlässlichkeit aus:

Wir stehen verlässlich an der Seite der Menschen in Not, wir bieten verlässliche und qualitativ hochwertige Strukturen und Angebote. Wir verhalten uns verlässlich fair gegenüber Kund*innen und Finanzierern unserer Arbeit.

Um weiterhin ein verlässlicher Partner sein und unseren Beitrag zum sozialen Frieden in Köln leisten zu können, benötigt es aber dringend eine gesicherte Finanzierung unserer Arbeit. Dafür setzen wir uns lautstark ein! Seit dem zweiten Halbjahr 2023 haben wir als Teil der Freien Wohlfahrt unsere Anliegen so laut und so konsequent wie nie auf die Straße gebracht – unter dem Motto „Köln bleib sozial“ bzw. „NRW bleib sozial“.

Zum Hintergrund: Wir haben mit tarif- und krisenbedingt drastisch gestiegenen Personal- und Sachkosten zu kämpfen, denen keine kostendeckende Refinanzierung der öffentlichen Hand gegenübersteht. Und es geht noch weiter: In Teilen sind die freien Träger von erfolgten oder geplanten Kürzungen der öffentlichen Hand betroffen. Wir fungieren damit als „Ausfallbürge“ der mauen Lage öffentlicher Kassen.

Im Oktober demonstrierten wir gemeinsam mit 25.000 Menschen vor dem Düsseldorfer Landtag. Im November standen an zwei Tagen die Räder in Kölner Einrichtungen der Freien Wohlfahrt still. Mit kreativen Aktionen und einer Demonstration mit über 8.000 Menschen haben wir auf die finanzielle Not unserer Dienste und Einrichtungen aufmerksam gemacht und demonstrierten gemeinsam mit Eltern und Klient*innen.

Klar ist: Die Angebote der freien Träger müssen weiterhin kostendeckend refinanziert werden, ansonsten drohen Schließungen auf breiter Ebene. Die Träger der freien Wohlfahrt haben keine Tresore, keine „Sparschweine“, um Finanzierungslücken zu schließen. Und es geht uns hier nicht um die Befriedigung von Eigeninteressen: Die Ungleichbehandlung öffentlicher und freier Träger gefährdet den sozialen Frieden und unser soziales System insgesamt und trägt damit zur Spaltung der Gesellschaft bei.

Ein Teilerfolg wie die Fortsetzung des sogenannten Strukturförderfonds in Köln konnte durch unser Engagement erzielt werden. Hierbei handelt es sich jedoch in der Tat nur um eine Teilkompensation unserer enormen Kostensteigerungen. Gerade bei der Aufstellung des kommunalen Doppelhaushalts 2025/2026 wird seitens des Kölner Rats nun darüber entschieden werden müssen, ob Köln eine soziale Stadt bleibt. Klar sollte dabei sein, dass die bereits defizitäre Refinanzierung keinen zusätzlichen Eigenanteil der freien Träger zulässt.

Über finanzielle Streitpunkte hinaus bietet die Caritas einen Raum, um sich aktiv für eine demokratische und friedvolle Gesellschaft einzusetzen. Ich möchte ein jüngeres Beispiel aus unserem sozialpolitischen und anwaltschaftlichem Engagement im Bereich der Asylpolitik vorbringen. Die Diskussion um die Einführung einer Bezahlkarte für Geflüchtete.

Die Bezahlkarte ist eines der aktuellen Beispiele dafür, wie in einer aufgeheizten gesellschaftlichen Stimmung zweifelhafte Signale gesendet werden, die Ressentiments in der Bevölkerung weiter befeuern und den sozialen Frieden gefährden.

  • Mit dem Ziel der Abschreckung sollen Geflüchtete nicht mehr selbst bestimmen können, was und wo sie wieviel bezahlen wollen.
  • Die damit einhergehenden örtlichen und sachlichen Beschränkungen sind massive und diskriminierende Eingriffe in die Handlungsfreiheit und die Würde der Betroffenen.
  • Die Bezahlkarte basiert auf Beweggründen, die falsch und widerlegbar sind. Ein Beispiel: Eine Bezahlkarte wird Menschen in Bedrohungs- und Notsituationen nicht davon abhalten, nach Deutschland zu kommen. Menschen fliehen vor Krieg und Verfolgung in ihren Heimatländern und nicht wegen der deutschen Sozialleistungen.

Gemeinsam mit einem breiten Bündnis von Organisationen hat die Caritas vor diesem Hintergrund die Kölner Kampagne „Selbstbestimmung statt Bezahlkarte“ aufgesetzt. Uns ist viel daran gelegen, dass die Stadt Köln weiterhin an ihrem migrationsfreundlichen Klima arbeitet, von dem sie seit Jahren profitiert. Weil dieses Klima Integration schafft, ein Aufeinanderzugehen schafft, Frieden schafft.

Was ich an dieser Stelle verdeutlichen will: Mit unserem politischen Engagement senden wir als Caritas immer ein wichtiges Signal: Frieden beginnt immer bei uns selbst. Es liegt in unserer Hand. Der demokratische Weg wird von uns selbst gestaltet und täglich vorgelebt.

Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, dies ist heute meine letzte Rede im Rahmen des Caritas-Jahresempfangs. Es dürfte kein Geheimnis mehr sein, dass ich zum 30.09.2024 aus dem aktiven Dienst der Caritas ausscheide. Mein Nachfolger, Markus Peters, ist dank seiner sozialpolitischen Expertise und Erfahrung seit vielen Jahren bestens vertraut mit allen sozialen und sozialpolitischen Themen, die uns in Köln bewegen.

Ich wünsche ihm schon heute viel Erfolg und eine gute Hand in der weiteren Entwicklung der Caritas als erfolgreiche und friedensstiftende Wohlfahrtsorganisation.

Abschließend ein organisatorischer Hinweis zu unserer Fotoaktion. Sie haben sicherlich schon die Wäscheleine mit den Porträtfotos zur Jahreskampagne entdeckt. Falls sie vorab noch kein Foto erstellt haben, können Sie heute hier vor Ort eins von unserem Öffentlichkeitsarbeit-Team erstellen lassen. Am Ende der Veranstaltung können Sie Ihr Foto gerne mit nach Hause nehmen und an den Spiegel hängen. Zudem ist auch ein Spiegel mit dem Kampagnenaufkleber aufgestellt. Hier können Sie selbst ein Foto erstellen und in die Online-Plattform der Caritas hochladen. Beteiligen Sie sich gerne an dieser tollen Aktion!

Liebe Gäste, ich möchte mich bei Ihnen allen bedanken. Für ihre Zusammenarbeit mit der Caritas und ihren Fachverbänden. Und dafür, dass auch Sie – jede und jeder auf ihre bzw. seine Art – tagtäglich etwas dazu beitragen, das Zusammenleben in unserer Stadt friedvoll zu gestalten. Frieden beginnt bei mir, Frieden beginnt bei Dir, Frieden beginnt mit uns allen. Fangen wir‘s an und machen wir weiter…… 

Vielen herzlichen Dank!