Mehr rechtliche Hürden, wachsende psychische Belastungen und unsichere Beratungsstrukturen: Im Interview schildert Zwan Karim, Leiterin der Perspektivberatung für Geflüchtete bei der Caritas Köln, wie sich die Situation für Geflüchtete in Köln 2025 zugespitzt hat, warum unabhängige Beratung unverzichtbar bleibt und welche Herausforderungen das Jahr 2026 mit sich bringt.

Zwan Karim leitet die Perspektivberatung für Geflüchtete bei der Caritas Köln. (Foto: DiCV Köln/Jo Schwartz)
Frage 1: „Frau Karim, wie hat sich die Situation Geflüchteter in Köln in 2025 verändert?“
Zwan Karim: 2025 erleben wir in Köln eine deutliche Zuspitzung – weniger im Sinne „mehr Menschen“, sondern im Sinne mehr Komplexität und mehr Druck. Viele Verfahren sind rechtlich anspruchsvoller geworden: Dublin-Fälle, kurzfristige Anhörungstermine, häufigere Ablehnungen, mehr Klage- und Eilrechtsschutzfragen. Gleichzeitig steigt der psychische Stress deutlich, weil Unsicherheit im Aufenthaltsstatus, Angst vor Abschiebung und lange Wartezeiten das Ankommen massiv erschweren.
Ein weiterer Punkt ist die Verschärfung politischer Signale und Regelungen: Der Ton in Debatten ist rauer, Geflüchtete werden häufiger als „Problem“ dargestellt. Das wirkt sich konkret auf Menschen aus – Angst, Rückzug, Misstrauen gegenüber Behörden und Institutionen nehmen zu. Besonders gravierend ist auch, dass seit Juli 2025 der Familiennachzug zu subsidiär Schutzberechtigten für zwei Jahre ausgesetzt ist. Das betrifft viele Familien in Köln unmittelbar: Menschen, die bereits hier sind, bleiben getrennt von Partner*innen und Kindern – das ist nicht nur ein integrationspolitisches Problem, sondern eine enorme psychosoziale Belastung.
Ein letzter Punkt ist, dass sich die positive Betrachtung von Zuwanderung und Flucht über das Jahr 2025 wesentlich stärker auf Nutzbarkeitsargumente ausrichtete: „Wir“ brauchen „die“ um dem Fachkräftemangel – weniger laut kommuniziert auch den Bedarfen des Niedriglohnbereichs – oder den demographischen Herausforderungen zu begegnen. Die humanitäre, wertebasierte, oder aber aus Sicht der Caritas auch Nächstenliebe-basierte, d.h. christliche Perspektive auf den per Grundgesetz bis dato abgesicherten Schutzanspruch Geflüchteter, gerät dabei aus dem gesellschaftlichen Blick, was ich mit großen Sorgen betrachte.
Frage 2: „Warum sind Beratungsdienste wie die Perspektivberatung noch immer so wichtig?“
Zwan Karim: Weil das Asyl- und Aufenthaltsrecht in Deutschland hochkomplex ist – und weil viele Menschen unter Druck stehen, schnelle Entscheidungen treffen müssen und dabei nicht wissen, welche Rechte, Fristen und Optionen sie überhaupt haben. Unsere Beratung ist wichtig, weil wir Orientierung geben: Was bedeutet ein amtliches Schreiben? Welche Frist läuft? Was passiert bei Dublin? Was bedeutet eine Ablehnung – und welche Schritte sind möglich?
In unserer Arbeit liegt aber auch ein zweifacher Schutzgedanke: Traumatisierung, Krankheit, Gewalt, besondere Schutzbedarfe bei Frauen, Kindern und vulnerablen Personen werden frühzeitig erkannt – dies schützt Geflüchtete, genauso aber auch unsere Gesellschaft, da psychische Erkrankungen, die Grund für Reibungen und Irritationen im Ankommensprozess werden können, so rechtzeitig behandelt werden.
Beratung schafft Stabilität: Menschen werden häufig von Stelle zu Stelle verwiesen. Gerade traumatisierte Personen brauchen Kontinuität, Vertrauen und eine Anlaufstelle, die „dranbleibt“. Zudem werden im Beratungsprozess Fehlinformationen korrigiert: In Communities kursieren oft Gerüchte. Beratung schafft Klarheit und verhindert falsche, riskante Entscheidungen.
Kurz: Beratung ist nicht „gut zu haben“, sondern ein zentraler Baustein von Rechtsstaatlichkeit und Integration. Ohne unabhängige Beratung steigt das Risiko von Fehlentscheidungen, Fristversäumnissen und Eskalationen – und damit auch die Belastung für Behörden, Gerichte und Hilfesysteme.
Frage 3: „Welche Veränderungen sind für Geflüchtete und Ihre Arbeit in 2026 zu erwarten?“
Zwan Karim: 2026 wird voraussichtlich noch anspruchsvoller – sowohl rechtlich als auch strukturell. So wird es mehr Druck durch neue gesetzliche Regelungen geben: Besonders die nationale Umsetzung des GEAS (Gemeinsames Europäisches Asylsystem) bringt konkrete und bedenkliche Veränderungen:
- Kurze Screeningverfahren, dadurch ist es schwierig Vulnerabilitäten zu erkennen
- Kürzere Klagefristen und andere Zuständigkeitslogiken erhöhen die Anforderungen an Beratung und Begleitung. Das wird für viele Menschen noch weniger übersichtlich – und für Beratungsstellen bedeutet es, dass wir noch stärker rechtlich aktuell, vernetzt und reaktionsfähig sein müssen.
- Weiterhin Trennung von Familien: Die Aussetzung des Familiennachzugs zu subsidiär Schutzberechtigten läuft bis 2027 weiter. Das heißt: Viele Familien bleiben auch 2026 getrennt. Für viele Klient*innen bedeutet das, anhaltende psychische Belastung – und für uns mehr Krisenintervention, Stabilisierung und Begleitung.
- Erhöhter Abschiebedruck und die Konzentration in Rückführungseinrichtungen: Wir rechnen mit einem weiteren Fokus auf Rückführung und Abschiebung. Ob es nun konkret zu „Abschiebezentren“ kommt oder zu stärker zentralisierten Rückführungsstrukturen: Für Betroffene bedeutet es vor allem mehr Unsicherheit und eine Zunahme von Eilrechtsschutz, Krisenlagen und Beratungsbedarf in sehr kurzer Zeit.
Besonders kritisch ist dabei zusätzlich, dass wir einen radikalen Abbau der Finanzierungsstrukturen der Beratung Geflüchteter beobachten. Vor zwei Jahren haben wir eine Kürzung des Landesprogramms soziale Beratung für Geflüchtete erlebt – unter Verweis auf eine neu eingerichtete Bundesförderung. Nun hat das Bundesinnenministerium der freien Wohlfahrt jüngst die Kürzung eben dieses Bundesprogramms mitgeteilt. Wenn Beratungsstrukturen abgebaut oder gekürzt werden, trifft das die Menschen unmittelbar. Gleichzeitig ist es widersprüchlich: Der Bedarf steigt – aber die Ressourcen werden unsicherer. Das erschwert Personalplanung, Kontinuität und Qualität. Und genau diese Kontinuität ist für vulnerable Menschen entscheidend.






1. Die Menschen in den Mittelpunkt stellen

. Visionen aktiver Teilhabe in einer pluralen Gesellschaft stärken
Wie können wir die Pflege in Köln zukunftssicher gestalten und welche Wünsche hat die Caritas Köln an die Politik? Verantwortliche und Mitarbeitende der Caritas tauschten sich am Freitag gemeinsam mit Bewohner*innen des Caritas-Altenzentrums St. Heribert und Bundestagskandidat Roman Schulte sowie Ratsmitglied Mechthild Böll, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Rat, zu den drängendsten Herausforderungen in der Pflegebranche aus.


Tim Westerholt, Leiter des Geschäftsfeldes Integration der Caritas Köln: „Vorsorgehaftmaßnahmen, Abschiebungen und untersagter Familiennachzug für Bürgerkriegsflüchtlinge zerreißen Familien und gefährden die seelische Gesundheit insbesondere von Kindern und Jugendlichen. Dies widerspricht der Menschenwürde, dem Grundgesetz und europäischen Kindeswohlverpflichtungen. Und es führt unweigerlich zu weiteren Traumatisierungen bei den Betroffenen. Wir fordern, bei allen politischen Entscheidungen die Rechte und das Wohl aller Menschen, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, an erste Stelle zu setzen.“







